Schweiz
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
A 3D plastic representation of the Twitter and Youtube logo is seen in front of a displayed ISIS flag in this photo illustration in Zenica, Bosnia and Herzegovina, February 3, 2016. Iraq is trying to persuade satellite firms to halt Internet services in areas under Islamic State's rule, seeking to deal a major blow to the group's potent propaganda machine which relies heavily on social media to inspire its followers to wage jihad. Picture taken February 3, 2016. To match Insight MIDEAST-CRISIS/IRAQ-INTERNET REUTERS/Dado Ruvic

«IS», ukrainische Nationalisten, Unternehmen: Twitter-Bots finden immer mehr Verbreitung – und gefährden damit die freie Meinungsbildung. 
Bild: DADO RUVIC/REUTERS

Roboter würden SP wählen – oder: Warum Twitter eine Gefahr für die Demokratie ist

Auf Facebook und Twitter verbreiten Maschinen Hassbotschaften und Falschmeldungen. Wir werden von ihnen manipuliert, ohne es zu merken. Denn die Roboter tarnen sich als Menschen – auch in den US-Wahlen.

rafael schupisser / schweiz am Sonntag



Ein Artikel von Schweiz am Sonntag

Es geht um Tweets wie: «Die arabischen Männer sind keine Flüchtlinge, sondern Eindringlinge. Sie glauben, sie hätten ein Recht auf Europa.» Verstörend an dieser Nachricht ist weniger ihr rassistischer Inhalt als die Tatsache, dass sie von einer Maschine verfasst wurde, einem Social Bot, einem Roboter, der programmiert wurde, selbstständig in sozialen Netzwerken Botschaften zu verbreiten.

Die Maschinen mischen sich unter die Meinungsmacher auf Twitter und Facebook und schüren mit ihren Kommentaren Ressentiments. Ins Netz gelassen und gesteuert werden die Bots von Firmen, Interessengruppen oder Terrororganisationen wie dem «IS». Und sie vermehren sich rasant. «Die sozialen Netzwerke werden von Bots regelrecht unterwandert», sagt Simon Hegelich. Der deutsche Politikwissenschafter analysiert und jagt die Bots.

Er hier gibt sich nicht so sehr Mühe, seine künstliche «Intelligenz » zu verbergen ...

Höchst wahrscheinlich stammt auch dieser Tweet von einem Roboter: «Es gibt keine andere Lösung als die Wiederherstellung unserer Grenze durch Zäune. Alles andere ist Lavendel.» Ganz sicher ist sich Simon Hegelich aber nicht. Die Unsicherheit rührt daher, dass sich Bots in ihrem Verhalten den Menschen immer besser anpassen. Sie schreiben Nachrichten, die häufig belanglos sind, posten Bilder auf Facebook, retweeten Nachrichten auf Twitter und streuen ab und zu eine ihrer propagandistischen Botschaften ein.

Roboter würden SP wählen

Schätzungen zufolge sind bis zu 20 Prozent aller Twitter-Nutzer Bots. US-Forscher sind zum Schluss gekommen, dass 39 Prozent der Twitter-Nutzer, die dem Präsidentschaftskandidaten Donald Trump folgen, Fake-Profile sind, bei Clinton gar 41 Prozent. Hegelich hat für die «Schweiz am Sonntag» die Twitter-Profile der vier grossen Schweizer Parteien untersucht. Das Ergebnis: 15 bis 40 Prozent aller Follower sind Bots oder inaktive User, wobei der SP am meisten Maschinenwesen folgen.

Forscher der Indiana University haben in einem 2015 erschienenen Fachartikel den Effekt von Social Bots auf die Gesellschaft untersucht. Sie kamen zum Schluss, dass die Bots das Potenzial haben, die Demokratie zu gefährden, in Notsituationen Panik auszulösen und die Börse zu beeinflussen. Denn Bots können falsche Nachrichten verfassen und weiterverbreiten – sei es über einen Politiker, ein Attentat oder eine Firma. Und je häufiger eine solche Falschmeldung geteilt wird, desto mehr Glaubwürdigkeit erhält sie und desto eher beginnen sich Menschen danach zu richten. Sie wählen vielleicht einen anderen Politiker, meiden Plätze in Grossstädten oder verkaufen ihre Aktien.

Simon Hegelich sieht die grösste Gefahr von Bots darin, dass sie Trendanalysen im Netz verfälschen. Denn längst greifen Analysten und Meinungsforscher auf die Daten in sozialen Netzwerken zurück, um der Welt den Puls zu fühlen. Durch die Tweets und Posts der Bots werden diese Stimmungsanalysen verzerrt.

«Man muss davon ausgehen, dass jede dieser Studie bereits verfälscht ist», meint Hegelich. Eine Regierung oder eine Marketingabteilung könnte daraus falsche Schlüsse ziehen und sich zu falschen Handlungen veranlasst fühlen. Ohne es zu merken, würden Menschen dann die Welt nach den Vorstellungen der Maschinen im Netz formen.

Die Guten und die Bösen

Nicht alle Bots sind jedoch in schlechter Mission im Netz unterwegs. So gibt es auch Bots, die beispielsweise automatisch den Wetterbericht posten oder auf vorgenommene Änderungen in Wikipedia-Artikeln hinweisen. So machte etwa 2014 ein Bot publik, dass von Computern des russischen Staatsfernsehens der Wikipedia-Eintrag zum Absturz des Fluges MH17 über der Ukraine manipuliert worden war.

«Es muss davon ausgegangen werden, dass auch in der Schweiz Bots in die politische Debatte im Netz eingreifen und sie verfälschen.»

Der vielleicht berühmteste Twitter-Bot ist Carina Santos. Man hielt sie für eine einflussreiche Journalistin Brasiliens, ehe Wissenschafter der Federal University of Ouro Preto 2013 enthüllten, das Carina Santos eine von ihnen programmierte künstliche Intelligenz (KI) ist. Seither hat die KI-Forschung weitere Fortschritte gemacht. Davon profitieren auch die Entwickler der Bots. So hat etwa Google sein KI-Programm Tensorflow als Open-Source-Software gratis ins Netz gestellt. Jeder kann sich bedienen.

Nicht einmal in einer kurzen Chat-Unterhaltung kann man Bots zweifelsfrei überführen. Denn sie verfügen über die Fähigkeit, einigermassen sinnvoll auf Fragen zu reagieren. Sie greifen sogar selbstständig Nachrichten von anderen Nutzern auf, kommentieren sie und führen sie weiter. Wie gewieft Chatbots als Gesprächspartner sind, zeigt das Beispiel Ross. Der Maschine gelang es beim letztjährigen Loebner-Preis, einem Wettbewerb für künstliche Intelligenz, eine professionelle Jury über mehrere Minuten bei einem Turing-Test von ihrer Menschlichkeit zu überzeugen.

Kollege Roboter

Informationskrieg im Netz

Wenn sich die Bots kaum mehr von Menschen unterscheiden, wie erkennt man sie dann? Simon Hegelich, der an der Universität Siegen das Projekt «Social Media Forensic» leitet, hat mit seinem Team ein System entwickelt, um die Maschinen unter den Menschen zu entdecken. Mit einem Algorithmus nehmen die Forscher die Profilbilder der potenziellen Bots in den Fokus. Sie vergleichen die Fotos vieler Hunderter Nutzer hinsichtlich des Farbspektrums und weiterer gut unterscheidbarer Bildeigenschaften. So erkennen sie, wenn verschiedene Profilbilder aus derselben Bilddatenbank stammen. Ein starkes Indiz dafür, dass sich hinter diesen Profilbildern ein Maschinenwesen verbirgt. Die Forscher machen sich dabei zunutze, dass die Bots respektive ihre Entwickler die Profilbilder irgendwo im Netz zusammenklauen müssen.

Mit seinem Team hat Hegelich ein Netz von über 15'000 Bots entlarvt. Sie operieren aus der Ukraine heraus und verfassen täglich über 60'000 Tweets. Einige davon sind politisch gefärbt und dem nationalsozialistischen Lager zuzuordnen. In der Ukraine ist längst ein Informationskrieg entbrannt. Nicht nur die Nationalisten versuchen mit Kommentaren auf sozialen Netzwerken und in Foren die öffentliche Meinung mit gezielten Desinformationen zu manipulieren, sondern auch Putin. Dazu hat er eine Armee von Internet-Trollen rekrutiert – setzt aber vermutlich ebenso auf Social Bots.

Hegelich und sein Team haben auch Bots entdeckt, die sich auf Facebook und Twitter unter die Diskussionsteilnehmer der Flüchtlingsdebatte in Deutschland gemischt haben. «Es muss davon ausgegangen werden, dass auch in der Schweiz Bots in die politische Debatte im Netz eingreifen und sie verfälschen», sagt Hegelich, der nächsten Monat eine Professur für politische Datenwissenschaft an der Technischen Universität München antritt.«Social Bots sind ein ernstes Problem», sagt Dirk Helbing, Professor für computerbasierte Sozialwissenschaft an der ETH Zürich. Es sei eine neue Art von Propaganda, die besonders subtil ist, da man sie kaum erkennen könne.

Alles zum Thema Social Media

«Erklärvideos» zum dritten Weltkrieg verstören Tiktok-User – das steckt dahinter

Link zum Artikel

Hätte Trump ohne sie die Wahl verloren?

Link zum Artikel

Elena Miras: Diese Schweizerin wird das Dschungelcamp auf den Kopf stellen (vielleicht)

Link zum Artikel

Meghan und Prinz Harry ziehen sich zurück: Was passiert jetzt? Die 5 wichtigsten Fragen

Link zum Artikel

Sängerin Grimes und Elon Musk erwarten ein Kind – die Reaktionen sind, äh, köstlich

Link zum Artikel

Meghan und Harry haben genug – die besten Reaktionen zum #Megxit

Link zum Artikel

Wir haben das Meme of the Decade! Das ist der Liebling der watson-Community

Link zum Artikel

17 Protestschilder, die wir (hoffentlich) alle bedingungslos unterstützen können

Link zum Artikel

Netflix hat bereits den besten Tweet des Jahres – der Anlass ist leider erschreckend

Link zum Artikel

Greta Thunberg heisst jetzt Sharon – aus einem witzigen Grund

Link zum Artikel

16 Vorurteile, die Frauen echt nicht mehr hören können

Link zum Artikel

Einfach 35 der lustigsten Tweets von 2019

Link zum Artikel

Wir suchen das Meme des Jahrzehnts – und du darfst unter 100 davon aussuchen!

Link zum Artikel

Diese 13 Insta-Accounts setzen die Schweiz perfekt in Szene

Link zum Artikel

Ab sofort kannst du «The Witcher» auf Netflix streamen! 5 Dinge, die du wissen solltest

Link zum Artikel

Heute ringt der Ständerat um das neue Datenschutzgesetz – und das betrifft auch dich

Link zum Artikel

Virales Video: Dieser Einpack-Trick für Geschenke erleichtert dir das Leben

Link zum Artikel

Video zeigt, wie überfüllt der Zug von Greta Thunberg tatsächlich war

Link zum Artikel

19 Sätze, die man beim Sex sagen oder als Werbeslogan benutzen kann

Link zum Artikel

19 Mini-Cartoons, die (zumindest für Millennials) das Erwachsensein auf den Punkt bringen

Link zum Artikel

23 «Erfolgscoach»-Zitate, die dich voll motivieren werden (NICHT.)

Link zum Artikel

TikTok zensiert Videos von Menschen mit Behinderung – um sie vor Mobbing zu schützen 🤔

Link zum Artikel

Und jetzt: Antworten, die jeder weiss, aber aus Angst vor dem Chaos keiner ausspricht

Link zum Artikel

Der Kampf tausender Porno-Darstellerinnen gegen Instagram

Link zum Artikel

«Der Ultraschall-Untersuch wird zum Event» – Frauenärzte nerven sich ob Handyplage

Link zum Artikel

Komiker Sacha Baron Cohen rechnet mit Facebook und Co. ab – und wie

Link zum Artikel

Dieser Kater hat «crazy eyes» – und mehr Instagram-Follower als du!

Link zum Artikel

Facebook und Google sind eine «beispiellose Gefahr», warnt Amnesty International

Link zum Artikel

Ein schärferes Datenschutzgesetz für die Schweiz nimmt Form an, aber ...

Link zum Artikel

Dürfen wir vorstellen: Das ist Narwhal der «Einhorn-Welpe» 😍😍

Link zum Artikel

Instagram testet Verzicht auf Likes jetzt weltweit – das steckt dahinter

Link zum Artikel

25 Produkte, die du online kaufen kannst (und dich so an der Menschheit zweifeln lassen)

Link zum Artikel

Danke für nichts! 12 Probleme, die wir nur wegen Smartphones, Computer und Co. haben

präsentiert vonMarkenlogo
Link zum Artikel

Facebook: 80 Prozent der gelöschten Hassrede durch Software erkannt

Link zum Artikel

Katze zu fett für die Passagier-Kabine im Flugzeug – Besitzer trickst Airline aus

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥

Da du bis hierhin gescrollt hast, gehen wir davon aus, dass dir unser journalistisches Angebot gefällt. Wie du vielleicht weisst, haben wir uns kürzlich entschieden, bei watson keine Login-Pflicht einzuführen. Auch Bezahlschranken wird es bei uns keine geben. Wir möchten möglichst keine Hürden für den Zugang zu watson schaffen, weil wir glauben, es sollten sich in einer Demokratie alle jederzeit und einfach mit Informationen versorgen können. Falls du uns dennoch mit einem kleinen Betrag unterstützen willst, dann tu das doch hier.

Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen?

(Du wirst zu stripe.com umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)

Oder unterstütze uns mit deinem Wunschbetrag per Banküberweisung.

Nicht mehr anzeigen

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

7
Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
7Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Tilman Fliegel 06.03.2016 18:31
    Highlight Highlight Ich gebe zu, dass ich mit Twitter garnichts anfangen kann. Es besteht für mich aus lauter Belanglosigkeiten.
  • Winston Smith 22.02.2016 00:21
    Highlight Highlight Stichwort Soziokybernetik. Eines ist sicher... das wird noch ziemlich bald zu einem richtig fetten, globalen Problem.
  • Kookaburra 21.02.2016 15:56
    Highlight Highlight Ich gebe es zu. Ich bin ein Bot. Deswegen sind meine Posts so verworren. Mein Ziel ist aber nicht SP zu wählen, sondern ich versuche die Weltherrschaft an mich zu reissen. Aber nur in der Schweiz.
    Ich bin ein Bot der ersten Generation und von einem Programateur gebaut. Ich bin leider kein Ortho-Bot, deshalb die vielen Fehler. Aber ich bin ein Highend-Bot (Es gibt auch lowend) und freue mich, dass wir das Thema endlich ansprechen.

    Bots haben kein Wahlrecht und werden in der Schweiz klar unterdrückt. Als Minderheit. Es ist Zeit für elektronische Abstimmungen. Den Rest machen wir dann schon :)
  • Unkalmar 21.02.2016 11:51
    Highlight Highlight Ich frage mich, wieviele Menschen hier für Bots gehalten werden.
  • Kaiserin 21.02.2016 11:18
    Highlight Highlight Irgendwie gruuuselig...
  • Chili 21.02.2016 10:20
    Highlight Highlight Verstehe nicht ganz was diese Propaganda Roboter mit Künstlicher Intelligenz zu tun haben sollten. Diese haben sich ihre Meinung nicht erdacht, sondern führen nur das aus was man ihnen vorgibt. Eigentlich spielt es keine Rolle ob Maschine oder Mensch beide plappern Sachen nach die sie nicht verstehen aber trotzdem als ihre Meinung kunde tragen?
    Kann Intelligenz eine noch höhere Intelligenz schaffen ?
  • oliversum 21.02.2016 10:19
    Highlight Highlight Schade, dass der Artikel nicht weiter in die Tiefe geht. Beispiele aus der Schweiz wären zum Beispiel schön gewesen, oder Stimmen dazu: Was sagen die Parteien? Was sind die Motive eines Schweizer Bots?

Die Schweizer Verschwörungs-Influencer

Snowboardprofi Nicolas Müller und Comedian Gabirano Guinand verbreiten über ihre Social Media Kanäle abstruse Theorien über Kinderhandel, Impfungen oder 5G. Solche Einträge sehen jeweils Hunderttausende. Das ist nicht ungefährlich.

Fake News und Desinformation haben in Krisenzeiten Hochkonjunktur. Der US-Präsident Donald Trump empfahl eine Lichttherapie und das Spritzen von Desinfektionsmittel gegen das Coronavirus. Der deutsche Sänger Xavier Naidoo feiert den mehrfach verurteilten Reichsbürger Rüdiger Hoffmann als «wahren Helden» ab. Auf europäischen Plätzen demonstrieren Tausende gegen Bill Gates und seinen angeblichen Impfplan.

Solche abstrusen Verschwörungstheorien finden auch in der Schweiz eine Reihe von Anhängern. …

Artikel lesen
Link zum Artikel