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bild: shutterstock / watson
Emma Amour

Mit Tinder-Tim im Tal der Tränen

In einer schlaflosen Nacht swiped sich Emma mal wieder durch Tinder, wo sie Tim matcht. Was vielversprechend beginnt, endet heulend am Idaplatz.
18.05.2018, 13:4819.05.2018, 22:18

Auf seinem Profil steht, dass er 190 cm gross ist. Sonst nichts. Auch hat Tim nur ein Bild auf Tinder. Dieses hat's aber in sich. Blaue Augen, dunkelblonde Locken, braungebranntes Gesicht, volltätowierte Arme. Der Anblick macht mich mindestens so glücklich wie der Fakt, dass er seine Persönlichkeit nicht mit Surf-, Bergsteig- und Reise-Bildern untermalt.

Mein Blick schweift auf die Uhr: 3.28 Uhr. Ich kann nicht schlafen. Der Grund könnte sein, dass ich erst gerade nach Hause gekommen bin, wo ich mit Kopfhörern durch meine Wohnung getanzt bin und somit jegliche Müdigkeit im Nu erstickt habe.

Er ist überall – nur nicht im Hier und Jetzt

Ich schenke Tim ein Superlike. «It’s a Match». Dann erreicht mich schon die erste Nachricht. Viele Vertippser. Man muss kein Profi sein, um zu merken: Tim ist betrunken. Ich liebe jedes einzelne seiner Suff-SMS.

Wir verabreden uns für den nächsten Abend. Ich bin sieben Minuten zu spät. Und dennoch vor Tim da. Der kommt 28 Minuten nach der abgemachten Zeit. Semi-cool. Aber easy bleiben, sage ich mir.

Tim begrüsst mich zögerlich. Er habe Hunger. Wir spazieren zum Idaplatz, wo sich Kreti und Pleti treffen. Wir setzen uns in die Menschenmenge. Tims Handy liegt auf dem Tisch. Immer wieder wirft er einen Blick drauf. Auch abgesehen davon ist der Gute mit seinen Gedanken überall – nur nicht im Hier und Jetzt. Ich biete ihm an, das Date abzubrechen und versichere ihm, dass das überhaupt kein Problem wäre.

Seine Tränen versetzen mich in eine Schockstarre

Jetzt schaut mich Tim entgeistert an. Und beginnt zu weinen. Nein, zu flennen. Sturzbäche fliessen über sein Gesicht. Tims emotionaler Zusammenbruch versetzt mich in eine Schockstarre. Muss ich ihn in die Arme nehmen? Fragen was los ist? Ihm Zeit und Raum geben? Hilfe!

Ich frage vorsichtig, ob ich was für ihn tun kann. Er streckt mir sein Handy entgegen. Ich sehe einen Hund mit einem Plastiktrichter um den Kopf. Es ist Tims Hund. Er wurde heute Nachmittag operiert und liegt nun im Tierspital. Deswegen das Tränenmeer.

Jack ist Tims bester Freund. Jack hatte eine Zyste, die entfernt werden musste. Ein Routineeingriff. Ungefährlich. Tim ist dennoch aus dem Tal der Tränen nicht rauszukriegen.

Jack sei mehr als nur ein Hund. Jack ist auch der Grund, warum Tim und seine Ex noch tief verbunden sind. Jack gehört beiden. Sie teilen sich das Sorgerecht. Und manchmal, da teilen sie sich auch das Bett. Fünf Jahre waren die beiden zusammen, bevor sie ihn vor einem halben Jahr sitzen liess.

Erneute Sturzbäche.

Ich lasse meinen Blick schweifen und glaube ein paar mitleidige Blicke zu erkennen. Ob sie Tim oder mir gelten, weiss ich nicht.

Sie haben am Nachmittag Händchen gehalten und Champagner getrunken, während Jack operiert wurde, erzählt Tim schluchzend. Deswegen sei er zu spät gekommen. Er sei bis jetzt bei seiner Ex gewesen. Und, es tue ihm wirklich leid, er wäre auch jetzt am liebsten bei ihr.

Das ist meine Chance.

Ich bestelle die Rechnung, beuge mich zu Tim und versichere ihm, dass es ganz wichtig ist, dass er jetzt auf sein Herz hört. Tim ist so mit seiner Ex und seinem Hunde-Elend beschäftigt, dass er nicht dazu kommt, zumindest seinen Teil der Rechnung zu zahlen. Ich übernehme. Hauptsache ich kann hier schnell weg.

Während wir über den Idaplatz gehen, hakt sich Tim bei mir ein. Weiterhin heulend. Er hat eben noch mehr Probleme. Seine Uber-App funktioniert nicht. Ob ich ihm eines bestellen kann. Ich sage Nein. Noch während ich mein Velo aufschliesse, ruft er seine Ex an. Sie kommt ihn holen. Ob ich die 15 Minuten warten kann, bis sie da ist.

Nein. Nein. Nein.

Ich verabschiede mich und fahre schnell davon.

Ich bin guter Dinge, dass sich Tim nie mehr meldet. Zwei Tage nach unserem Treffen schickt er mir aber ein Bild. Darauf zu sehen: Ein strahlender Tim mit Jack auf seiner Brust. Ohne Halskrause. Im rechten Arm hat er eine Blondine liegen. Zum Foto schreibt er:

«Mir sind wieder gsund und munter. Isch übrigens cool gsi mit dir, müemer unbedingt mal wieder machä.»

Nein. Nein. Nein. Nein.

Nein. Nein. Nein.

Nein. Nein.

Nein.

Wirklich nicht.

Adieu,

Auch bei dieser Slideshow eher so: Nein, nope, nei nei neiiii

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Das bin nicht ich, aber so würde ich als Shutterstock-Illustration aussehen. Öppe.
Das bin nicht ich, aber so würde ich als Shutterstock-Illustration aussehen. Öppe.
bild: shutterstock/unsplash/watson

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