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Wie der neue EU-Datenschutz viele verzweifeln lässt – und Facebook in die Hände spielt

In Europa gilt ein neues Gesetz, das den Datenhunger der grossen Internetkonzerne eindämmen soll. Damit zu kämpfen haben alle anderen.



«Der Schutz Ihrer Daten ist uns ein Anliegen.» Wer hat in den letzten Tagen nicht eine E-Mail erhalten, mit diesem oder einem ähnlichen Satz in der Betreffzeile. Viele Nutzer wissen damit nichts anzufangen. Dass selbst Unternehmen damit überfordert sind, zeigen immer neue Skurrilitäten, die in Zusammenhang mit der DSGVO auftreten – selbst ausserhalb Europas.

Schuld ist nicht unbedingt die neue Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO), sondern vielmehr die Unsicherheit der Website-Betreiber, was noch legal ist und was nicht. Für viele ist die DSGVO ein Bürokratiemonster, bei dessen Bewältigung selbst Juristen Mühe zu haben scheinen, wie die Rechtsanwaltkammer Düsseldorf zeigt. Die offizielle Website der Juristen ist seit dem 25. Mai nicht mehr erreichbar. Eine rigorose Vorsichtsmassnahme, mit der die Rechtsanwälte nicht allein dastehen ...

Angst vor Bussen

Web-Auftritte und Online-Dienste werden dieser Tage reihenweise abgeschaltet oder eingeschränkt – immer mit der Begründung, dass nur so die DSGVO eingehalten werden könne.

Selbst grosse Unternehmen ziehen die (vorläufige) Abschaltung von Websites und Diensten vor, als zu riskieren, gegen das Gesetz zu verstossen. Prominente Beispiele sind Bosch mit seiner bekannten Heimwerker-Website 1-2-do.com und der Social-Media-Analysedienst Klout, der ganz eingestellt wurde.

Klout ist weg

Wer regelmässig Klout.com genutzt hat, wird nun von diesem Banner begrüsst. Bild: Klout/screenshot watson

Leidtragende sind die Kleinen

Einschneidend ist die DSGVO vor allem für Blogs, private Websites und Internet-Auftritte von KMUs. Denn während Konzerne die Umsetzung der Richtlinien einfach auslagern können, sehen sich die kleinen Webseiten-Betreiber mit einem Riesenhaufen Kauderwelsch Juristendeutsch konfrontiert.

Zwar kursieren Dutzende Beiträge mit Tipps und Tricks, wie man eigene Online-Angebote DSGVO-konform macht, doch für die wenigsten ist das wirklich hilfreich. Entweder ist der Aufwand zu gross oder es fehlt schlicht das Wissen, um beispielsweise eine Website selbstständig zu verschlüsseln.

Die Folge: Hobby-Blogger, Künstlerinnen, Communitys, Vereine und Firmen schalten ihre Webpräsenz sicherheitshalber ab, aus Angst vor den drohenden Bussgeldern.

DSGVO Beispiel

Solche und ähnliche Meldungen findet man aktuell auf immer mehr Blogs und kleineren News-Seiten. Bild: herr-der-ringe-film.de/screenshot watson

Doch auch in der Offline-Welt hat die DSGVO Folgen. Auch dort dürfen Daten, wie Adressen oder Fotos, nicht mehr ohne vorheriges Einverständnis erhoben und verwendet werden.

Der deutsche Verein «Bewegungs- und Rehabilitationssportgemeinschaft Ingelheim» sorgte für Schlagzeilen, als gleich der gesamte Vorstand zurücktrat. Wegen der DSGVO.

Gegenüber Tagesschau.de sagte der 79 Jahre alte Kassenwart Helmut Benkelmann:

«Es ist unmöglich, damit zurechtzukommen. Ich kann nicht zu 250 Mitgliedern fahren und mir unterschreiben lassen, dass ich ihnen einen Brief schicken darf.»

Wenn man keinen neuen Vorstand finde, sagte Benkelmann weiter, werde der Verein wohl oder übel aufgelöst.

Auch die katholische Kirchgemeinde Freiburg hat ihre Konsequenzen gezogen. Wurden bisher alle Gottesdienste per Live-Stream im Internet übertragen, ist das ab sofort nicht mehr möglich. Durch die neuen Datenschutzregeln müsste man bei jedem Gottesdienstbesucher eine Einwilligung einholen, dass die Gefilmten der Übertragung schriftlich zustimmen.

US-Medien sperren EU-User

Keine Lust auf die Umsetzung der DSGVO haben viele amerikanische Medienhäuser – sie sperren europäische Besucher oftmals ganz einfach aus. News-Portale wie die «New York Daily News» oder die «Los Angeles Times» sind aus EU-Ländern nicht mehr erreichbar. Grössere Publikationen, etwa die «Washington Post», stellen eine EU-konforme Website zur Verfügung – für einen Aufpreis von 50 Prozent gegenüber dem herkömmlichen Online-Abonnement.

Einen anderen Weg versucht «USA Today». Die Zeitung bietet zwar weiterhin auch EU-Bürgern Online-Zugriff, reduziert diesen aber auf ein Minimum. Dafür heisst man Besucher zur «European Union Experience» willkommen.

USA Today

Daten werden auf dieser Seite nicht mehr erhoben – dafür gibt's kaum mehr was zu sehen. Bild: USA Today/screenshot watson

Wer profitiert? Facebook!

Ironischerweise ist es einer der mächtigsten Internetkonzerne, der im ersten Moment vom neuen Gesetz profitiert – zumindest in Deutschland. Denn bisher war es Facebook dort untersagt, Nutzerdaten von WhatsApp und Facebook zu verbinden. Das hatte der Hamburger Datenschutzbeauftragte 2016 durchgesetzt. 

Die DSGVO schreibt nun vor, dass innerhalb der EU nur noch eine Datenschutzbehörde zuständig ist – für Facebook ist das die irische, wodurch das Hamburger Verbot aufgehoben ist.

Datenschützer warnen derweil vor übertriebener Panikmache. Das Gesetz sei ein Meilenstein des Datenschutzes, bei dem in erster Linie Firmen etwas zu befürchten hätten, die schon immer gegen den Datenschutz verstossen haben. Alle anderen, also beispielsweise Blogs oder Vereinsseiten, müssen keinerlei Sanktionen fürchten. Anders lautende Warnungen von Anwälten oder Beratern seien oft schlicht Schwarzmalerei.

Auf dem kürzlich abgehaltenen Datenschutzkongress in Berlin, betonte auch der Datenschutzbeauftragte Michael Ronellenfitsch, dass die DSGVO etwas Gutes sei. Dank der Verordnung können erstmals auf gesetzlicher Grundlage Bussgelder gegen Datenmissbrauch ausgesprochen werden. Oder wie Ronellenfitsch es ausdrückt:

«Wir haben Zähne bekommen, sind aber nicht bissig geworden.»

Die DSGVO im Video erklärt:

abspielen

Video: watson/Corsin Manser, Emily Engkent, Lya Saxer

WhatsApp-Nutzer müssen neu mindestens 16 Jahre alt sein:

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Video: srf

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    Alle Leser-Kommentare
  • ströfzgi 30.05.2018 09:06
    Highlight Highlight Das heisst wenn ich in Deutschland mit 1 km/h zu viel geblitzt werde, muss mich der Polizist vorher fragen ob er das darf? 😃
  • atomschlaf 29.05.2018 18:34
    Highlight Highlight Exzessive Regulierung hilft fast immer den Grosskonzernen und schadet den kleinen Unternehmen. Haben leider viele Leute noch nicht begriffen.
  • Ruffy 29.05.2018 18:19
    Highlight Highlight Ein witz dass dieses bürokratiemonster der eu auch uns in der schweiz betrifft.
  • aglio e olio 29.05.2018 17:22
    Highlight Highlight Alle schreien nach Datenschutz. Jetzt wurde ein erster Schritt gemacht und alle jammern "Scheiss Datenschutz".
    Das soll mal einer verstehen...
  • ChiliForever 29.05.2018 16:51
    Highlight Highlight Die meisten kleinen Firmen in Deutschland haben noch nie gegen den Datenschutz verstoßen und werden auch in Zukunft nicht machen. Sie speichern schlicht die Daten ihrer Kunden, die sie benötigen und verschicken allenfalls - soweit von den Kunden dafür angemeldet - Newsletter.
    Allerdings müssen genau diese kleinen Firmen die in Deutschland sehr verbreitete Abmahnindustrie fürchten. Sie werden dann schlicht Probleme haben, die ganze geforderten formalen Datenschutzprotokolle zu liefern, die sie erstellen müssten. Damit allein sind die meisten überfordert, schon an der juristischen Komplexität.
  • wuschel1984 29.05.2018 16:44
    Highlight Highlight also die latimes ist erreichbar für mich 😊
    • Pascal Scherrer 29.05.2018 16:53
      Highlight Highlight Wohnst du in der Schweiz?
      Dann ist das korrekt so. ;)
    • Brummbaer76 29.05.2018 16:54
      Highlight Highlight Die Schweiz ist auch nicht EU-Mitglied 😉
  • sintho 29.05.2018 16:43
    Highlight Highlight Als hobbymässiger Webseitenbetreiber kann ich das bestätigen. Hab mich tagelang durch Artikel gewälzt und sogar den Rechtsdienst konsultiert - ich hab mir auch überlegt meine Webseiten die ich für Freunde erstellt habe abzuschalten, weil man nun keine Werbung oder Tracking enablen kann, ohne einen riesigen Aufwand nach sich zu ziehen.
    • Madison Pierce 29.05.2018 17:30
      Highlight Highlight Wenn Deine Websites nicht Besucher aus der EU als Zielgruppe haben, musst Du Dir keine Sorgen machen. Die DSGVO gilt nicht in der Schweiz.

      Normale Blogs oder die Autowerkstatt von nebenan sind also nicht betroffen, wohl aber zum Beispiel Shops mit internationaler Ausrichtung.
    • sintho 29.05.2018 18:03
      Highlight Highlight Sobald man Besucher aus der EU misst, ist man davon betroffen. D.h. sobald du tracking eingebaut hast. Denn da ist es schon zu spät, egal ob die Webseite nur für Schweizer gedacht ist. Hab mich genügend darüber informiert ;-)
    • jjjj 29.05.2018 18:19
      Highlight Highlight @madison: praktisch jeder blog hat eu Besucher... und schon betrifft es dich...
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