Leben
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«Ted Bundy Tapes» auf Netflix: Wer war der erste Serienmörder mit Groupies?

Elisabeth Kochan / watson.de



Genau 30 Jahre ist es her, seit Theodore Robert Bundy im Staatsgefängnis Floridas auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet wurde. 30 Jahre, nach denen Ted Bundy noch immer als einer der berühmt-berüchtigsten Serienmörder gilt, die unsere Welt je hervorbrachte. 30 Jahre, die nun genau in einer Zeit enden, in der wir süchtiger nach «True Crime» sind denn je, nach wahren Verbrechensgeschichten à la «Making a Murderer».

Streaming-Gigant Netflix liess sich ein solches Jubiläum nicht durch die Lappen gehen und nahm sich Ted Bundys Todestag zum Anlass, die bizarre Geschichte seiner Mordreihe neu zu erzählen. Die erstreckte sich über vier Jahre hinweg, während derer er mindestens 30 Frauen vergewaltigte, tötete und teils selbst nach ihrem Tod noch wochenlang missbrauchte. Bis heute ist Bundys Vergangenheit nicht vollständig geklärt. In Form der «Ted Bundy Tapes», bisher unveröffentlichter Tonaufnahmen, soll in der Serie «Ted Bundy: Selbstporträt eines Serienmörders» neues Licht auf seinen kranken Geist geworfen werden.

Doch wer war Ted Bundy?

Ted Bundys FBI-Foto, welches 1978 in der Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher erschien.

Ted Bundys FBI-Foto, welches 1978 in der Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher erschien. Bild: Wikimedia

Ted Bundy wurde 1946 im US-Bundesstaat Vermont geboren und mit nur 42 Jahren im Jahr 1989 hingerichtet. Die letzten fast 15 Jahre seines Lebens verbrachte er entweder hinter Gittern oder auf der Flucht. Es waren die Morde an zwei jungen Studentinnen und einem Mädchen gewesen, die ihm letztlich die dreifache Todesstrafe eingebracht hatten – obwohl er laut der Geständnisse, die er nur Tage vor seiner Hinrichtung ablegte, mindestens zehnmal so viele Morde an jungen, weissen Frauen begangen hatte. Keine von ihnen – zumindest von denen, deren Morde er gestand – hatte er gekannt, bevor er sie mithilfe simpler Ausreden entführt, grösstenteils vergewaltigt und getötet oder nachts in ihren eigenen Betten attackiert hatte.

Dabei hatte Ted Bundy nach aussen hin stets den perfekten Schwiegersohn gemimt: Er war ein intelligenter, ruhiger Jura-Student ohne kriminelle Vorgeschichte. Es waren seine selbstbewusste Ausstrahlung, sein symmetrisches, markantes Gesicht sowohl die Naivität der Polizeibeamten gewesen, die dafür gesorgt hatten, dass er quasi ungehindert Dutzende Morde hatte begehen können. Niemand hatte ihm so etwas zugetraut, und selbst seine festen Partnerinnen glaubten teils bis kurz vor seiner Hinrichtung, Ted sei fälschlicherweise dieser Gräueltaten bezichtigt worden – eine Behauptung, die Ted selbst immer wieder aufstellte.

Bundy gilt bis heute als erster «Celebrity Killer».

In this 1977 photo serial killer Ted Bundy, center, is escorted out of court in Pitkin County, Colo. The Glenwood Springs Post-Independent discovered the 40-year-old photo of Bundy, along with others, that had been locked in an old safe in the newsroom, which a local locksmith volunteered to open. The photos show Bundy in custody in 1977, the year he escaped from local law enforcement twice while awaiting a murder trial. (Glenwood Springs Post Independent via AP)

Ted Bundy 1977 im Gerichtshaus von Pitkin County, Colorado Bild: AP/Glenwood Springs Post Independent

Wahrscheinlich wüssten wir bis heute kaum etwas über den Mann hinter der wohlerzogenen Maske, hätte dieser nicht ein enormes Geltungsbedürfnis sowie den Drang gehabt, sich in seinem makabren Ruhm zu aalen.

So kam es, dass er den Biografen Stephen G. Michaud und Hugh Aynesworth in vielen, vielen Sitzungen im Todestrakt ausführlich erzählte, was er den zahlreichen Frauen angetan hatte und wie es ihm selbst dabei ergangen war. Dabei sprach er jedoch nie von sich selbst als «ich», sondern von «ihm», dem wahren Mörder, in dessen Geist er einen Einblick zu haben behauptete, über dessen Taten er sich zu «spekulieren» erlaubte.

Dass er so nur hatte prahlen wollen, ohne sich mit einem Geständnis zu belasten, war nicht nur den Biografen klar. Für das Buch «The Only Living Witness – The True Story of Serial Sex Killer Ted Bundy» liessen Michaud und Aynesworth den Serienmörder selbst zu Wort kommen – und zeichneten so die Geschichte eines Mannes, der sich einerseits bewusst war, dass er schwer krank war, es aber schaffte, seine ausgelebten gewalttätigen Bedürfnisse mithilfe cleverer Taktiken über Jahre hinweg selbst vor seinen engsten Vertrauten geheim zu halten. Erst seine eigene arrogante Naivität und vermeintliche Überlegenheit sorgten schliesslich für den Untergang des Mannes.

Hinter seiner Maske versteckte er ein Monster, das er im Laufe der Jahre immer weniger kontrollieren konnte.

Als Kind und Jugendlicher war Ted Bundy schüchtern – so sehr, dass er Probleme hatte, mit Fremden kommunizieren. Intelligent war er, aber er konnte nie begreifen, wie zwischenmenschliche Beziehungen funktionierten. Selbst seine stärkste Waffe – sein attraktives Aussehen – verstand er nicht: 

«Man hat mich als gutaussehend beschrieben [...]. Ich glaube nicht daran. Es ist wie eine eingebaute Unsicherheit. Ich glaube nicht, dass ich attraktiv bin.»

Ted Bundy gegenüber Michaud und Aynesworth

Er erkannte nicht, wenn ihn eine Frau anziehend fand, hatte aber gelernt, dass er sie scheinbar mit seiner ruhigen, charismatischen Art in seinen Bann ziehen konnte – eine manipulative Fähigkeit, die es ihm ermöglichte, nichtsahnenden Frauen vorzuspielen, von ihm sei nichts zu befürchten, und sie so in seine Falle zu locken, sie zu vergewaltigen, zu töten – und in einigen Fällen auch nach dem Tod erneut zu missbrauchen, über Wochen hinweg, bis es ihm der körperliche Verfall seiner Opfer unmöglich machte.

Immer wieder kehrte er an die Orte, an denen er die Leichen versteckt hatte, zurück, um seine Gewalttaten aufleben zu lassen. Nicht aus Liebe zu den Frauen, nicht einmal aus einem sexuellen Bedürfnis heraus – nein, für Ted Bundy ging es um Besitz. Denn für ihn waren die Vergewaltigung und letztlich der Mord der ultimative Besitz eines Menschen:

«Du fühlst, wie der letzte Atemzug ihren Körper verlässt. Du siehst ihr dabei in die Augen und ein Mensch in dieser Situation ist quasi Gott! Du besitzt sie nun und sie ist für immer ein Teil von dir. Und der Ort, an dem du sie getötet hast oder wo du sie liegen lässt, wird für dich heilig, und du fühlst dich immer wieder dort hingezogen.»

Ted Bundy gegenüber seinen biografen Michaud und Aynesworth

«Dort» – das waren für ihn verschiedene Orte im Westen der USA, an denen die Überreste seiner Opfer versteckte. Viele von ihnen wurden bis heute nicht gefunden, und in einigen Fällen namenloser Frauen, die er zugab, getötet zu haben, ist nicht einmal klar, wer sie überhaupt waren.

Klar scheint jedoch: Ted Bundys blutige Karriere begann nicht erst im Jahr 1974 mit dem ersten Mord, den er gestand.

Mary Adams, damals eine Studentin der University of Washington in Seattle, war vermutlich nicht Bundys erstes Opfer gewesen, als er sich am 4. Januar 1974 spätnachts in ihre Wohnung schlich, sie mit einem Metallstab bewusstlos schlug. Daraufhin vergewaltigte er sie mit einem Spekulum, einem gynäkologischen Instrument zur Spreizung der Vagina. Mary erlitt schwere innere Verletzungen und fiel in ein tagelanges Koma. Als sie aufwachte, konnte sie sich nicht an ihren Angreifer erinnern – der nur wenige Wochen darauf, am 1. Februar desselben Jahres, nicht nur eine weitere junge Frau in ihrem Bett attackierte, sondern diese auch entführte und tötete; das erste in einer langen Reihe von Mordopfern.

FILE - In this July 28, 1978, file pool photo, Ted Bundy mugs for the media after being informed of his indictment by a grand jury in Tallahassee, Fla. The Hollywood Reporter and Variety reported on May 16, 2017, that Zac Efron will play Bundy in an upcoming biopic about the serial killer. (Pool Photo via AP, File)

28. Juli 1978: Ted Bundy posiert für die Fotografen, nachdem ihn die Grand Jury über die Anklagepunkte informiert hatte. Bild: AP/AP

Als sei es eine Art makaberer Neujahrsvorsatz gewesen, hatte Bundy im Januar '74 damit begonnen, seinem Bedürfnis nach dem ultimativen «Besitz» freien Lauf zu lassen – vorerst monatlich, dann immer häufiger. Lynda Healy, am 1. Februar, war die Erste. Im März folgte Donna Manson, entführt irgendwo auf dem Weg zwischen ihrer Wohnung und einem Konzert. Zwar gab es Ähnlichkeiten zwischen beiden Fällen – sowohl Lynda als auch Donna verschwanden ohne jede Spur, beide waren Studentinnen –, doch vermutete die Polizei im Bundesstaat Washington noch kein Muster. Ausserdem liess sich nicht ausschliessen, dass die jungen Frauen nicht schlicht weggelaufen waren oder Suizid begangen hatten; derartige Verschwinden wurden der Polizei Mitte der 70er immerhin etwa einmal wöchentlich gemeldet. Ted Bundy wusste das. Er arbeitete zu der Zeit in der Seattle Crisis Clinic, wo er die Anrufe depressiver und suizidaler Menschen annahm.

Auf März folgte April, und mit ihm ein weiteres Opfer: Susan Rancourt verschwand mitten auf dem Campus der Central Washington University in Ellensburg. Doch hatte Bundy diesmal drei Versuche gebraucht, um eine weitere Entführung hinzubekommen: Zwei Studentinnen, die er vor Susan mit einem Trick auszulisten versucht hatte, waren nicht darauf reingefallen. Eine von ihnen war Jane Curtis, die der Polizei nach dem Verschwinden Susans eine skurrile Geschichte erzählte.

Diese stellte sich später als der erste Bericht einer fast tödlichen Begegnung mit Ted Bundy heraus.

Jane hatte abends gerade die Campusbibliothek verlassen, als sie eine merkwürdige Figur in der Nähe stehen sah: Ein Mann, gehüllt in einen langen Mantel, mit einer ins Gesicht gezogenen Mütze. Einer seiner Arme war in einen dicken Verband gewickelt und er schien Probleme damit zu haben, den Stapel Bücher, den er hielt, nicht fallen zu lassen. Jane bot dem Mann ihre Hilfe an, die er dankend annahm. Er bat sie, ihn zu seinem Auto zu begleiten.

Bundys VW Käfer, ausgestellt im inzwischen geschlossenen National Crime and Punishment Museum, 2010.

Bundys VW Käfer, ausgestellt im inzwischen geschlossenen National Crime and Punishment Museum, 2010. Bild: Wikimedia

Sein VW Käfer stand in einer dunklen Ecke auf dem Campus. Als der Mann sie aufforderte, mit seinem Schlüssel den Wagen aufzuschliessen, bekam sie ein mulmiges Gefühl. Sie stellte fest, dass der Beifahrersitz des Autos fehlte, und verneinte seine Aufforderung. Dann wurde er plötzlich eindringlicher.

«Steig ins Auto», befahl er. «Was?», entgegnete Jane. Wie aus dem Nichts änderte sich sein Tonfall erneut: «Könntest du einsteigen und das Auto für mich starten?» Jane drehte sich um und rannte davon. Sie hatte Glück gehabt: Nur wenige Tage später schlug Bundy erneut zu und kidnappte zwei weitere junge Frauen, vermutlich mithilfe seines «Können Sie mir helfen?»-Tricks.

Ted Bundys Auto

Bild: Wikimedia

Bundy hatte jetzt offenbar seine Routine gefunden – denn im Juni waren es zwei Frauen, die sich nachts auf dem Heimweg scheinbar in Luft auflösten, nachdem sie kurz zuvor noch von Freunden oder Bekannten gesehen worden waren. Und allmählich kristallisierte sich ein Muster heraus: Laut zahlreicher Augenzeugenberichte war in allen Fällen kurz zuvor in der Nähe ein Mann mit Armschlinge oder Krücken gesichtet worden.

Es blieb jedoch bei Vermutungen und heimlichen Spekulationen, denn niemand – weder Polizei noch die Zeitungen, die über die Fälle berichteten – wollte sich so recht eingestehen, dass ein echtes Monster in Washington sein Unwesen treiben könnte. Doch Ted Bundy hatte sich inzwischen eingespielt und an Mut gewonnen: Im Juli 1974 beschränkte er sich nicht auf die Nachtstunden, sondern entführte zwei junge Frauen am hellichten Tag, inmitten einer belebten Gegend.

Es war inzwischen Hochsommer, und Washington suchte am Lake Sammamish Abkühlung.

Unter ihnen war Janice Graham, eine frisch verheiratete Frau in ihren 20ern, die sich mit ihrem Mann und ihren Schwiegereltern für einen Tag am See verabredet hatte. Sie kam zu früh – und während sie auf die Nachzügler wartete, wurde sie von einem jungen Mann angesprochen, dessen Arm in einer Schlinge hing.

Der Fremde bat sie höflich um ihre Hilfe. Er habe auf seine Freunde gewartet, die ihm dabei hatten helfen sollen, sein Boot auf seinen Anhänger zu laden. Die waren jedoch nicht gekommen, und mit nur einem gesunden Arm sei es ihm unmöglich, das Boot selbst zu verladen. Wäre sie eventuell so freundlich? Es sei auch quasi um die Ecke. Janice stimmte zu; als sie ihn jedoch begleitete und feststellte, dass er weder Boot noch Anhänger hatte, musste sie ihn enttäuschen: Sie sei bereits spät dran und habe keine Zeit, den Anhänger mit dem Boot vom «Haus [seiner] Eltern, nur den Hügel hoch!» zu holen, wie er sagte. Und Ted? Dem machte das nichts aus. «Das ist in Ordnung. Ich hätte Ihnen sagen sollen, dass es nicht hier auf dem Parkplatz steht. Danke für Ihre Umstände.»

FILE - In an Oct. 3, 1978 file photo Theodore Bundy smiles at photographers in Tallahassee, Fla.,  A bite mark analysis done by Dr. Richard Souviron helped convict Bundy in the murders of two Florida State University coeds.  (AP Photo/ file)

1978 in Tallahassee: Ted Bundy lächelt für die Kameras. Bild: AP

Ted Bundy liess Janice Graham entkommen. Doch ihre Namensvetterin, Janice Ott, erfuhr kurz darauf nicht dieselbe Höflichkeit, als sie sich bereit erklärte, Bundy zu helfen. Janice Graham beobachtete die beiden, wie sie zum Parkplatz schlenderten, nicht ahnend, dass es Janice Otts wohl letzter Gang sein würde. Aber Ted hatte für den Tag noch nicht genug. Eine junge Frau namens Denise Naslund fiel seiner charmanten Art ebenfalls zum Opfer – und als Bundy sie mitnahm, war Janice Ott noch am Leben. Eine Frau sah der anderen an einem verlassenen Ort beim Sterben zu, deutete Bundy gegenüber seinen Biografen später an. Und während das geschah, suchte die Polizei verzweifelt nach den entführten Frauen – diesmal mit dem eiskalten Wissen, es mit einem Serientäter zu tun zu haben, der eine Vorliebe für medizinische Accessoires hatte. Armschlingen. Verbände. Krücken. Und, wie sie später kombinierten, gynäkologische Werkzeuge – wie in Bundys erstem gestandenen Mord. 

Janice Ott und Denise Naslund hatte Bundy währenddessen seiner «eigenen Müllabfuhr» anvertraut.

Zwei Monate später stolperten Jäger im Wald über ihre Überreste, und im März fanden Jäger die Knochen von vier weiteren Mädchen, verteilt auf dem Taylor Mountain in Washington. Wilde Tiere hatten nur die Schädel zurückgelassen – so, wie Bundy es beabsichtigt hatte; er hatte mit den Tieren, wie er sagte, seine «eigene Müllabfuhr» entdeckt. Bundy war zum Zeitpunkt der grausamen Funde allerdings längst weit entfernt. Er war im September nach Utah gezogen, zwei Bundesstaaten weiter südöstlich.

Washington hatte er aber noch nicht hinter sich gelassen. Ted Bundy führte eine Fernbeziehung – mit einer Frau, die zwar bereits vermutete, dass mit ihrem Liebsten etwas nicht stimmte, die sich jedoch wieder und wieder von seiner charismatischen Art würde einlullen lassen.

FILE - In this April 26, 1979, file photo, Ted Bundy leans back in his chair in the courtroom before his trial in Tallahassee, Fla. One of the most notorious serial killers in American history, Bundy is believed to have killed at least 30 young women across the United States in the 1970s. Bundy was one of the hundreds of fugitives who have appeared on the FBI's Ten Most Wanted Fugitives list. (AP Photo/Mark Foley, File)

1979: Bundy lehnt sich im Gerichtssaal zurück, kurz bevor sein Prozess beginnt. Bild: AP/AP

Elizabeth «Liz» Kendall hatte bemerkt, dass Bundy nachts gern unter den Decken ihren Körper mit einer Taschenlampe inspizierte, während sie schlief, und hatte sich von ihm anhören müssen, er würde ihr «den verdammten Hals brechen», wenn sie seinen ausufernden Hang zum Ladendiebstahl verpetzte; sie hatte ausserdem fremde Frauenkleidung in seiner Wohnung entdeckt und war einmal fast von ihm beim Wildwasserrafting ertränkt worden, «ein Witz», behauptete Bundy später. Doch Liz vermutete noch nicht, ihr Freund könne ein Mörder sein. Erst, als Gerüchte seiner Taten aus Utah zu ihr herüberschwappten, wurde sie wirklich misstrauisch – denn Ted Bundy hatte seine Gelüste mit dem Umzug keinesfalls hinter sich gelassen, sondern prompt in Utah fortgesetzt. Und diesmal war ihm ein entscheidender Fehler unterlaufen, der ihn Kopf und Kragen kosten sollte: Er hatte eine Frau entkommen lassen.

Carol DaRonch: Die einzige Frau, die ihm je entkommen konnte

Und er hatte sich Mühe gegeben: In einem Einkaufszentrum hatte er die junge Frau angesprochen, behauptet, «Officer Roseland» zu sein, und sie möge doch bitte mit ihm zum Parkplatz kommen, weil es einen Auto-Einbruch gegeben habe. Ein überzeugender Polizist war er nicht. Er wirkte heruntergekommen, ebenso wie sein Auto (nach wie vor ein VW Käfer), und stank nach Alkohol. Carol glaubte ihm dennoch und stieg in seinen Wagen, um ihn «zur Polizeistation zu begleiten». Doch auf dem vermeintlichen Weg dorthin fuhr er in einer verlassenen Gegend plötzlich rechts ran und warf sich, bewaffnet mit Handschellen und einer Metallstange, auf die junge Frau. Im Gegensatz zu ihren Vorgängerinnen hatte Carol den Angriff jedoch kommen sehen. Sie sprang aus dem Auto und flüchtete – und sollte damit die einzige Frau bleiben, die es jemals schaffte, Bundy zu entkommen. Sein perfekter Lauf war unterbrochen worden, und ab Carol DaRonchs Flucht ging es für ihn bergab.

Ted Bundy

Zwei Opfer von Bundy, die nicht so viel Glück hatten wie DaRonch. Bild: Wikimedia

Zu Hause in Washington schöpfte Liz Kendall allmählich Verdacht. Eine Freundin erzählte ihr, in Utah habe es mehrere Entführungen gegeben, nach denen die Frauen tot aufgefunden worden waren, mit Strumpfhosen erwürgt, ihre Körper offensichtlich schwer sexuell missbraucht. Die Taten passten zeitlich genau zu Teds Umzug nach Utah, und Liz konnte ihr Misstrauen nicht länger ignorieren. Mehrmals kontaktierte sie die Polizei, um ihren Verdacht zu äussern, und gab ihnen schliesslich sogar Teds Namen – all das, während sie dennoch mit ihm zusammen blieb. 

Die Polizei verfolgte Teds Namen nicht weiter – doch war das kein Versagen.

Die Beamten waren schlichtweg überfordert. Je mehr Morde bekannt, je mehr Leichen entdeckt wurden, umso mehr Anrufe gingen bei der Polizei ein. Schliesslich waren es mehr als 3'000 Namen, die auf der Liste potentieller Verdächtiger standen. Einer von ihnen war Teds – doch dessen Ruf als Jura-Student ohne Vorstrafen liess ihn in den Hintergrund der Ermittlungen rücken, und das wusste er auch.

«Suchen sie sich den Jura-Studenten ohne kriminellen Hintergrund aus, den manche der Anwälte, die an diesem Fall beteiligt waren, vermutlich sogar persönlich kannten? Oder entscheiden sie sich für die 'Typen', ihr wisst schon. Die Männer in den Akten. Die echten Freaks.»

Ted Bundy gegenüber seinen biografen Michaud und Aynesworth

Dabei hatte er sich keineswegs gut abgesichert. Ted tauchte in fünf verschiedenen Listen der Polizei auf, in denen sie Zufälle rund um die Entführungen festgehalten hatten, wie beispielsweise die Namen der jeweiligen Kommilitonen der Studentinnen. Damit war er zwar nicht allein – 24 weitere Männer tauchten auf fünf dieser Zufallslisten auf –, doch im Gegensatz zu Bundy konnten diese Männer alle Alibis für die entsprechenden Nächte abliefern. Bundy hingegen machte sich nie die Mühe, sich ein glaubwürdiges Alibi auszudenken. Im Gegenteil: Die Geschichten, die er der Polizei später auftischte, waren so absurd, dass ihn das verdächtiger machte als alles andere. 

Er hielt sich für hochintelligent – was er nachweislich nicht war –, und wurde daher immer unvorsichtiger.

Eines Nachts war er in seinem VW unterwegs, als ihn ein Verkehrspolizist anhielt – oder anzuhalten versuchte. Nachdem Bundy in seinem Wagen wie auf der Pirsch immer wieder dieselben Strassen abgefahren hatte, war der Polizist auf ihn aufmerksam geworden. Doch Ted weigerte sich, dem Folge zu leisten, und lieferte sich eine kurze Verfolgungsjagd. Eine dumme Idee – denn als der Beamte einen Blick in Teds VW warf und dort unter anderem eine Eishacke, Handschellen und eine Maske aus einer Strumpfhose mit Löchern für Augen und Mund entdeckte, klingelten bei dem alle Alarmglocken.

Er hielt Ted jedoch für einen Einbrecher, nicht den Mörder, nach dem der halbe Nordwesten der USA seit Monaten suchte, und Bundy versuchte, die merkwürdigen Funde in seinem Auto zu erklären: So habe er die Handschellen auf einem Schrottplatz gefunden und behalten, da er einmal einen Dieb für die Polizei habe festhalten müssen. Auf die Frage, woher er denn die Schlüssel zu den Handschellen hatte, konnte er nicht antworten.

Hätte er sich lediglich absurde Ausreden ausgedacht, hätte ihn die Polizei wohl mit einer Anzeige wegen des Besitzes einer solchen Einbrecher-Ausrüstung ziehen lassen. Bundy sorgte jedoch selbst dafür, dass die Polizei zusätzlich misstrauisch wurde: Er heuerte für diese vermeintliche Lappalie einen erstklassigen, teuren Anwalt an und machte sich hochnäsig während seiner Verhöre über die beteiligten Polizisten lustig. Ein Beamter erinnerte sich daraufhin an die Beschreibung des Wagens und Mannes, der die entkommene Carol DaRonch entführt hatte. Auf diesen Instinkt hin wurde Ted einer Auswahl an Zeugen vorgeführt – und spätestens, als dieser zur Gegenüberstellung mit einem radikal neuen Haarschnitt auftauchte, zweifelte niemand der Anwesenden mehr daran, dass sie hier einen Schuldigen aufgegabelt hatten. Darin waren sich auch die Zeugen, unter ihnen Carol DaRonch, sicher: Dieser Mann war mindestens ihr Entführer, und vielleicht gar der Serienmörder, der in Utah sein Unwesen getrieben hatte.

Ted Bundy wurde verhaftet – zum ersten Mal. Und brach aus. Zum ersten Mal.

Ein Richter verurteilte ihn nach einer skurrilen Verhandlung, während der Bundy nicht nur gleichgültig, sondern vor allem arrogant und frech auftrat, zu einer Haftstrafe, die er nach knapp drei Jahren mit anschliessender Bewährung hinter sich gehabt hätte. Aber Ted Bundy hatte andere Pläne. Während aus seinem Umfeld, das an seine Unschuld glaubte, sogar Spenden für einen sogenannten «Ted Bundy Defense Fund» gesammelt wurden, gelang es ihm, mit einem Sprung aus dem Fenster der Gerichtsbibliothek in die Freiheit zu entkommen.

Suspected serial killer Ted Bundy, center, is escorted by authorities down the stairs in Glenwood Springs, Colo., June 13, 1977. Bundy, acting as his own attorney, escaped the courthouse on June 7 by jumping out the library's window and fleeing into Aspen Mountain for six days. Others are unidentified. (AP Photo/Glenwood Springs Post-Independent/Ross Dolan)

Ted Bundy wird 1977 zum Gericht eskortiert. Kurz darauf entkommt er. Bild: AP Glenwood Springs Post-Independen

Fünfeinhalb Tage war Ted Bundy in den Bergen rund um Aspen, einem Skigebiet in Colorado, auf der Flucht. Seine schlechte Orientierung in der fremden Gegend führte mehrere Male fast dazu, dass er geschnappt wurde – letztlich war es aber einmal wieder seine überhebliche Überzeugung, niemand könne ihm etwas anhaben, die seiner Flucht ein Ende setzte. Anstatt den Staat so schnell wie möglich zu verlassen, blieb er in der Nähe und wurde schliesslich von einer Polizeikontrolle erwischt, weil er mit seinem geklauten Auto auffällig unvorsichtig durch eine Nachbarschaft kurvte. 

Man sollte meinen, ein Ausbrecher würde danach umso stärker bewacht werden.

Stattdessen wurden die Berichte von Gefängnisinsassen, die behaupteten, nachts immer wieder Geräusche aus der Zellendecke zu hören, ignoriert – obwohl es Ted Bundy war, der über ein von ihm gegrabenes Loch in die Zwischendecke gelangt war und sich dort einen Fluchtweg parat legte. Und dieses Mal war ihm mehr Glück vergönnt: Er entkam, indem er sich in einem Lieferwagen versteckte und daraufhin in einem gestohlenen Wagen durch einen Schneesturm bis zum nächsten Flughafen fuhr. Erst 17 Stunden später, als die Wärter entdeckten, dass die menschliche Form unter Bundys Bettdecke aus Büchern und Kleidung bestand, war er bereits in Michigan, Tausende Meilen entfernt. 

Police inspect a vehicle at a roadblock near Glenwood Springs, Colo., June 1977. Suspected serial killer Ted Bundy escaped from the Pitkin County Courthouse on June 7 and is the subject of a manhunt. (AP Photo/Glenwood Springs Post-Independent/Ross Dolan)

Die Polizei durchsucht an einer Strassensperre die Autos nach Bundy. Bild: AP Glenwood Springs Post-Independent

Ted Bundy wusste, dass jetzt jeder Schritt zählte. Das FBI hatte ihn inzwischen auf seine «Most Wanted»-Liste gesetzt. Was das FBI jedoch nicht wusste: Bundy sah nicht mehr so aus wie auf seinem Verbrecherfoto. Den Bart, den er sich hatte wachsen lassen, hatte er weitestgehend entfernt. Zeit seines Lebens wunderten sich Menschen, die ihn trafen, darüber, dass dieser Mann sein Äusseres ändern konnte wie ein Chamäleon; schon eine andere Stimmung verlieh ihm ein völlig neues Gesicht. Kein Wunder also, dass Bundy es schaffte, vom nördlichen Michigan unerkannt bis ins südliche Florida zu reisen, um sich dort in einem Umfeld zu verstecken, in dem er sich am sichersten fühlte: Einer Studenten-Nachbarschaft. Die Florida State University in Tallahassee erschien ihm dafür ideal – und sollte Bundys letzte Station sein, bevor ihn der lange Arm des Gesetzes endgültig aufschnappte.

Ted Bundy hatte inzwischen die Kraft verlassen.

«Plötzlich fühlte ich mich immer kleiner, immer kleiner, immer kleiner. Und unsicherer. Und noch mehr allein. Stück für Stück für Stück spürte ich, wie sich etwas in mir auflöste. Ich spürte, wie es aus mir schwand, wie in den alten Filmen, wo man sieht, wie ein Geist aus einem auf dem Boden liegenden Körper aufsteigt. Und als ich mit dem Bus in Tallahassee ankam, fühlte sich nichts mehr richtig an.»

Ted Bundy gegenüber den Biografen Michaud und Aynesworth

Er konnte nicht mehr; Ted Bundy erlebte, was viele Gefängnisausbrecher und -entlassene erleben: Er wünschte sich das geregelte Leben hinter Gittern zurück. Plötzlich war er wieder draussen, unter Menschen, die nicht wussten, wer er war und was sie von ihm erwarten konnten. Und es war in dieser Freiheit, in der Ted Bundys inneres Monster wieder aufwachte.

Es begann mit Alkohol. Nacht für Nacht betrank sich Bundy, und wieder verfiel er dem Diebstahl. Ohne Identifikationspapiere war er darauf angewiesen, sich sein Geld zusammenzuklauen. Er lebte am Limit – sowohl finanziell als auch mental. Nur zwei Wochen hielt er es aus, ohne seinen Gelüsten nachzugeben. Doch dann, am 15. Januar 1978, beging Ted Bundy eine Angriffsserie, die nur wenige Minuten dauerte, in der jedoch zwei Frauen starben und zwei schwer verletzt wurden. 

This is the jail cell from which suspected serial killer Ted Bundy escaped, Dec. 30 1977, in Glenwood Springs, Colo. Bundy piled books under the blankets of his cot to make it appear that he was sleeping, and then cut a hole in the ceiling and climbed to the crawlspace, becoming a fugitive for the second time. (AP Photo/Glenwood Springs Post-Independent/Ross Dolan)

Aus dieser Zelle ist Bundy entkommen. Bild: AP Glenwood Springs Post-Independen

Der Abend der Chi-Omega-Morde begann in einem Studenten-Nachtclub.

Ted Bundy war mehreren Gästen aufgefallen, weil er am Rande der Tanzfläche gestanden und Studentinnen angestarrt hatte. Noch hatte sich Bundy aber unter Kontrolle. Erst später am Abend beschloss er, dem Haus der Chi-Omega-Studentinnenverbindung in der Nähe einen Besuch abzustatten.

Es war bereits rund drei Uhr nachts, als die Studentin Nita Neary nach Hause kam und dort einen dunkel gekleideten Mann mit einem Baseballschläger aus dem Haus huschen sah. Besorgt klopfte sie an die Tür der Verbindungspräsidentin. Die beiden Frauen waren gerade in ein flüsterndes Gespräch auf dem Korridor vertieft, als eine der Zimmertüren aufging und Karen Chandler, ebenfalls Bewohnerin der Verbindung, blutüberströmt in den Flur strauchelte. Ihre Mitbewohnerin, Kathy Kleiner, sass noch immer auf ihrem Bett, stöhnend, verstört. Blut tropfte aus ihrem gebrochenen Kiefer, und Blut verzierte das halbe Zimmer. Selbst an der Decke waren Spritzer zu sehen. Jemand hatte sie im Schlaf immer und immer wieder mit einem Schläger attackiert, ihnen Kiefer-, Schädel-, Arm-, Finger- und Wangenknochenbrüche zugefügt – jemand, an den sie sich daher nicht erinnern konnten. Jemand, der nicht nur Karen und Kathy, sondern auch zwei weitere ihrer Mitbewohnerinnen angegriffen hatte.

Lisa Levys und Margaret Bowmans Leichen wurden erst in ihren Betten gefunden, als die Polizei die Zimmer des gesamten Hauses durchsuchte. Lisa hatte offensichtlich die volle Wut des Angreifers abbekommen: Ihr Hals war verdreht, und der Täter hatte ihr mit einer Haarspray-Dose über ihre Körperöffnungen schwere innere Verletzungen zugefügt. So schwer, dass die Dose Spuren ihrer Eingeweide aufwies. Nach ihrem Tod hatte der Täter ihr so hart in die Pobacke gebissen, dass er einen verwertbaren Gebissabdruck hinterlassen hatte – der fatale Fehler, wie sich herausstellen sollte. Margaret Bowman, das zweite Todesopfer, erwürgt mit einer Strumpfhose, war zwar nicht vergewaltigt worden, hatte jedoch eine Brandwunde an ihrem Oberschenkel. Jemand hatte ihr mit solcher Wucht den Slip vom Leib gerissen, dass ihre Haut an einer Stelle wie verbrannt war. 

Während die Polizei im Chi-Omega-Haus beschäftigt war, war Ted Bundy noch immer auf der Jagd.

Ein paar Strassen entfernt wachten Debbie Ciccarelli und Nancy Young in ihrer Studentenwohnung auf, weil sie aus der Wohnung ihrer Nachbarin Cheryl Thomas dumpfe Schläge kommen hörten. Als sie versuchten, Cheryl anzurufen, war zwar das Telefon zu hören, doch niemand antwortete. Debbie und Nancy riefen die Polizei. Die fand Cheryl halb bewusstlos und blutend in ihrem Bett vor. Sie war nicht vergewaltigt worden, aber der Täter hatte Spuren hinterlassen: Neben seinem Opfer lag eine Strumpfhosenmaske, und auf dem Bettlaken befand sich ein Spermafleck.

Ted Bundy

Beweise anhand von Gebissen werden vor Gericht gezeigt. bild: wikimedia

Cheryl überlebte – ist jedoch durch die Schläge auf ihren Schädel bis heute auf einem Ohr taub und hat Gleichgewichtsprobleme. Ihr Traum, eine Tänzerin zu werden, zerplatzte in der Nacht, als sich Ted Bundy vollkommen willkürlich ihr Küchenfenster zum Durchklettern aussuchte und sich, wie bei Karen, Kathy, Lisa und Margaret kurz zuvor, nicht länger die Mühe machte, seine Spuren zu beseitigen. 

Bundy wurde daraufhin von einer Panik gepackt, die ihn lähmte und ihm die Fähigkeit nahm, klar zu denken. Anstatt Florida so schnell wie möglich zu verlassen, stürzte er sich mithilfe rund 20 gestohlener Kreditkarten in einen Shopping-Wahn. Der Knoten war geplatzt, die Selbstkontrolle verloren, und Bundy tötete ein letztes Mal. Diesmal war sein Opfer die 12-jährige Kim Leach, die er aus ihrer Schule entführte und, nachdem er mit ihr fertig war, unter einem ausgedienten Schweinestall verscharrte. Ihre Leiche wurde erst entdeckt, nachdem Ted Bundy von einem Polizisten wegen seines verwirrten Fahrverhaltens in einem Industriegebiet angehalten und verhaftet worden war. Seine Reise des Terrors war vorbei, und offenbar waren aller guten Dinge in diesem Fall drei: Bundys dritte Haft sollte halten.

Zwar glaubte er wieder einmal, die Polizei könne ihm nichts nachweisen, und aufgrund der in den 1970ern noch unzuverlässigen DNA-Analysen war es den Beamten tatsächlich nicht möglich, Ted Bundy unbestreitbar zum Mörder zu erklären, doch stellte er sich erneut selbst reihenweise Beine: Er versuchte nicht mal, sich ein Alibi auszudenken und verneinte nicht mal, die Taten begangen zu haben, wegen derer er angeklagt wurde: Die Morde an Lisa Levy, Margaret Bowman und Kim Leach. Stattdessen zog er die Männer, die ihn dranzukriegen versuchten, immer wieder auf:

«Die Beweise sind da. Sucht nach ihnen.»

Und er sollte Recht behalten.

Mithilfe seiner gestohlenen Kreditkarten, Autos und Kennzeichen liess sich gut nachverfolgen, wo Bundy wann gewesen war. Alles fügte sich zusammen, und Ted Bundys Verhandlung begann – ein nationales TV-Event mit einem Star, der sich das alleinige Rampenlicht sicherte, indem er beschloss, sich selbst anwaltlich zu vertreten, obwohl er sein Jura-Studium weder abgeschlossen noch überhaupt passabel bewältigt hatte. 

Jeden Tag bekamen die USA in einer halbstündigen Zusammenfassung präsentiert, was sich am jeweiligen Verhandlungstag in Florida zugetragen hatte. Die Medien hatten in Ted Bundy einen Promi gefunden, der sich nur zu gern im Kameralicht sonnte und scheinbar mehr Wert darauf legte, sein kühles Charisma zu bewahren, als seine Unschuld zu beweisen, die er immer wieder beteuerte. Während der gesamten Verhandlung lieferte er den Geschworenen dennoch kein einziges Alibi – und weigerte sich dennoch , ein Geständnis abzulegen, obwohl ihn dies wohl vor der Verurteilung zur Todesstrafe durch den elektrischen Stuhl bewahrt hätte. Die kam jedoch. Einmal. Zweimal. Dreimal.

Ted Bundy

Ted Bundy 1979 vor Gericht. Bild: Wikimedia

Einmal für Lisa, einmal für Margaret, einmal für Kim. Die Geschworenen hatten sich einstimmig auf Bundys Schuld geeinigt: Die laut Experten einzigartigen Bissspuren, die er in Lisa Bowmans Pobacke hinterlassen hatte, waren sein Untergang. Von Schuldgefühlen war Bundy jedoch weit entfernt, und seine Rede zum Abschluss der Verhandlung gewährte seinem Publikum einen Einblick in seine gespaltene Persönlichkeit: Er würde die Strafe hinnehmen für das, was «jemand anderes» getan hatte (das «Wesen», wie er seine Veranlagung gern bezeichnete), doch nicht die Schuld dafür akzeptieren.

«Gott weiss, dass ich es nicht heuchlerisch finde zu sagen, dass ich so gut, wie ich eben kann, Mitleid empfinde. [...] Es ist ein Urteil für jemand anderen, der heute nicht hier steht. Ich werde also für diese Taten gefoltert, dafür leiden und die Schmerzen dafür ertragen, aber ich werde nicht die Bürde und die Schuld dafür auf mich nehmen. Das ist alles, was ich zu sagen habe.»

Ted Bundy vor Gericht im Juli 1979

Ted Bundy, der berühmteste Mörder der Welt, zog in den Todestrakt – und hatte Tausende Groupies.

Im Laufe der Jahre und insbesondere wegen der Berichterstattung während seiner Verhandlungen hatte Ted Bundy eine beträchtliche Menge an Verehrern hinter sich versammelt – Frauen, die sich zu ihm hingezogen fühlten und ihn für missverstanden hielten; religiöse Fanatiker, die meinten, ihn bekehren zu können; Menschen, die ihn für seine Taten bewunderten. An der Spitze seines «Fanclubs» stand Carole Boone, mit der er früher einmal zusammengearbeitet und die ihm im Laufe seiner zweiten Haft in Colorado erst als Brieffreundin, dann als Partnerin zur Seite gestanden hatte. Durch einen Trick wurde sie schliesslich sogar zu seiner Frau, als Ted eine Gesetzeslücke in Florida ausnutzte, um sich und Carole in Anwesenheit eines Richters und jeder Menge Zeugen spontan im Gerichtssaal zu verheiraten.

Selbst nach seiner dreifachen Verurteilung hielt Carole zu Ted und schenkte ihm 1982 – zwei Jahre nach seinem Haftantritt in Florida – eine Tochter, die wohl während einer der bei Wärtern erkauften Stündchen der Zweisamkeit entstanden war. Doch Caroles und Teds Ehe sollte noch vor seinem Tod unglücklich enden: Denn als Ted nur wenige Tage vor seiner Hinrichtung in dem verzweifelten Versuch, die Strafe hinauszuzögern, endlich gestand, zumindest 30 Frauen ermordet zu haben, wandte sie sich von ihm ab. Ein Abschied, den er wohl nie richtig verstand – denn bis zu dem Moment, als er am 24. Januar 1989 auf dem elektrischen Stuhl starb, vertrat Ted Bundy eine klare Meinung:

«Ich meine, es gibt so viele Menschen. Da sollte das doch kein Problem sein. Was ist schon eine Person weniger auf der Erde?»

Ted Bundy gegenüber Michaud und Aynesworth

Das für diesen Artikel verwendete Buch:

«The Only Living Witness – The True Story of Serial Sex Killer Ted Bundy» von Stephen G. Michaud und Hugh Aynesworth

Kurzfilm warnt vor kleinen Killer-Drohnen:

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Video: Angelina Graf

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    Alle Leser-Kommentare
  • LondonAfterMidnight 01.02.2019 15:57
    Highlight Highlight Die letzte Aussage "Ich meine, es gibt so viele Menschen. Da sollte das doch kein Problem sein. Was ist schon eine Person weniger auf der Erde?", die hat mich gerade ziemlich mitgerissen..
  • Spooky 01.02.2019 12:59
    Highlight Highlight "I don't march to the same drummer you do."
    (Ich marschiere nicht zum gleichen Trommler wie du.)


    Douglas Clark im Buch "The Serial Killers"
    von Colin Wilson & Donald Seaman
    • Spooky 01.02.2019 16:21
      Highlight Highlight Sorry, die Übersetzung sollte wahrscheinlich sein:
      "Ich marschiere nicht zum gleichen Trommler wie ihr."
  • Spooky 01.02.2019 12:18
    Highlight Highlight "Es gibt Menschen, die in Erfahrungswelten leben,
    die wir nicht betreten können." (John Steinbeck)

    Ein Zitat aus dem Buch "Bestie Mensch" von Thomas Müller.
  • Adumdum 01.02.2019 10:21
    Highlight Highlight Krass dass man so jemand zweimal ausbrechen lässt!! - 3 Menschen wäre sonst ein grausamer Tod erspart geblieben...
  • Roterriese #DefendEurope 01.02.2019 10:18
    Highlight Highlight Zwei Fragen an die Gegner der lebenslänglichen Freiheitsstrafe und der Verwahrung: Hätte auch Ted Bundy eine 2. Chance verdient? War in diesem Fall die Todesstrafe falsch?
    • Bambusbjörn aka Planet Escoria 01.02.2019 10:44
      Highlight Highlight Simple Antwort: USA ist USA und Schweiz ist Schweiz.
      Aber bekanntermaßen jammerst du ja unheimlich gerne und hättest bei den Gesetzen am liebstwn eine Mischung aus Südostasien und Amerika.
    • Herr Ole 01.02.2019 11:00
      Highlight Highlight Ich denke nicht, dass es viele Gegner der Verwahrung gibt. Eine Entlassung hätte meiner Meinung nach immer wieder geprüft werden müssen, wäre aber ohnehin abgelehnt worden. Die Todesstrafe finde ich immer falsch, bin aber nicht unglücklich darüber, dass Bundy tot ist.
    • Roterriese #DefendEurope 01.02.2019 11:29
      Highlight Highlight @Herr Ole danke für Ihre ehrliche Antwort

      @Gähn, einmal mehr weichst du aus, beantwortest die (simplen) Fragen nicht und spielst lieber ad hominem, aber was anderes sind wir von dir ja nicht gewohnt.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Zern 01.02.2019 08:58
    Highlight Highlight Auf dem zweiten Bild mit den Polizisten erkennt man auch gut, welcher Künstler diese Jahre geprägt hat 😅
    • Spooky 01.02.2019 10:10
      Highlight Highlight Zern: Und welcher Künstler ist das?
    • Zern 01.02.2019 11:28
      Highlight Highlight Weisse Westen, Koteletten, 1977, Hi Elvis
  • Nömi the strange aka Wizard of Whispers 01.02.2019 08:52
    Highlight Highlight Oh jetzt ist wohl die Zeit gekommen, mir ein Netflix Abo zu machen xD Sauge alles auf was mit Serienmördern zu tun hat. Ich frage mich oft, wenn ich Ted zu dieser Zeit begegnet wäre, hätte ich ihm auch vertraut? Dieser Mann muss eine krasse Ausstrahlung gehabt haben.
    • Loeffel 01.02.2019 11:08
      Highlight Highlight Dann kann ich dir auch „The Fall“ überaus empfehlen.
    • Nömi the strange aka Wizard of Whispers 01.02.2019 11:51
      Highlight Highlight Ist das True Crime? Wenn nicht, dann interessiert es mich nicht so, sorry xD
    • Nömi the strange aka Wizard of Whispers 01.02.2019 13:32
      Highlight Highlight Monster, Gacy und Evil Genius kenne ich schon^^
      Manhunt müsste ich demfall noch schauen^^ danke :) Zodiac fand ich auch sehr geil :)
  • AllknowingP 01.02.2019 08:03
    Highlight Highlight Kranke Sau !
  • DruggaMate 01.02.2019 06:51
    Highlight Highlight Lol das ganze habe ich mir vor ein paar Monaten aus Interesse selbst im Internet zusammengesucht und gelesen. Netter Artikel.
  • Antigone 01.02.2019 02:30
    Highlight Highlight Hab die Doku gerade fertig geguckt.

    Wirklich sehr interessant, zu was der Mensch fähig ist...





  • Spooky 31.01.2019 22:52
    Highlight Highlight Wer wissen will, wie Serien Killer - salopp gesagt - ticken, dem empfehle ich die Schriften von Robert Ressler.
    [https://de.wikipedia.org/wiki/Robert_Ressler]
    • AllknowingP 01.02.2019 08:15
      Highlight Highlight Fuck Mann... was geschieht wohl mit einem wenn du einen Gacy oder Dahmer vor dir hast..... echt spooky !
  • Jesses! 31.01.2019 22:02
    Highlight Highlight Abscheulich und dennoch faszinierend. Wurde jemals eine psychiatrische Diagnose gestellt?
    • AllknowingP 01.02.2019 08:16
      Highlight Highlight Soweit ich weiss machte man das damals noch nicht... resp. ob’s das in den USA überhaupt gibt...
    • grünergutmensch 01.02.2019 13:12
      Highlight Highlight Schau die Top-Serie Mindhunter auf Netflix, da gehts genau um das
    • Nausicaä 02.02.2019 16:08
      Highlight Highlight Ja würde, siehe Netflix-Serie. Eine Psychiaterin befand ihn als bipolar manisch-depressiv. Während der depressiven Phasen hörte er anscheinend Stimmen, die ihm schlechte Gedanken über Frauen einpflanzten. Aber man muss vorsichtig sein, diese Diagnose erklärt noch lange nicht seine Taten. Er war ein stark narzisstischer Psychopath.
  • degu03 31.01.2019 21:49
    Highlight Highlight Fand die netflix doku gut, allerdings ist es schon extrem wie manche Menschen ticken...
  • pluginbaby 31.01.2019 20:54
    Highlight Highlight Kann die Dokumentation nur empfehlen, sehr interessante Einblicke in die Abgründe eines Menschen..
    • redeye70 31.01.2019 22:42
      Highlight Highlight Mir hat der Artikel gereicht. Total verstörend, was ich da gelesen habe.
    • pluginbaby 01.02.2019 00:10
      Highlight Highlight Die Taten waren absolut abscheulich. Und trotz diesem Wissen habe ich mich selber ertappt wie ich mich von Bundy täuschen liess. In den Ausschnitten und Sprachaufzeichnungen wirkt er sehr souverän und hat etwas gewinnendes was absolut nicht auf diese Taten schliessen lassen würde.

      Und genau dies macht ja auch den Mythos Ted Bundy aus. Ein für mich spektakulärer Fall wie sich Menschen beeinflussen lassen können.
  • mvrisita 31.01.2019 20:25
    Highlight Highlight Da fehlen einem echt die Worte...
  • Pana 31.01.2019 20:17
    Highlight Highlight Artikel lesen oder auf Netflix gucken? Nicht ganz sicher, was schneller geht ;)
    • Findolfin 31.01.2019 20:47
      Highlight Highlight Beim Artikellesen werden bestimmt ein paar Hirnzellen wieder etwas mehr beansprucht. Kann nicht schaden. 😜
    • degu03 31.01.2019 21:48
      Highlight Highlight Netflix lohnt sich :)
    • Nilda84 31.01.2019 22:10
      Highlight Highlight Beides! 😉

Zwei Schweizerinnen drehen eine Simpson-Hommage – und begeistern YouTube

Auf YouTube macht sich ein Video zweier Schweizerinnen gerade daran, viral zu gehen. Obwohl der YouTube-Kanal «Katrin von Niederhäusen» anfangs Woche noch keine 100 Abonnenten hatte, wird das Video von zehntausenden Usern angeklickt. Alleine in den letzten 24 Stunden wurde der Clip fast 40'000 Mal angeschaut, die 100'000er-Marke scheint nur noch eine Formsache zu sein.

Verwunderlich ist das nicht, denn das Video zeigt eine wundervolle Hommage an Homer Simpson, die mit viel Liebe zum Detail …

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