DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Bild

bild: keystone

Gen-Experimente an Embryonen: Sind wir auf dem Weg zum Designerbaby? (Und wäre das schlimm?)

Englische Forscher erzeugen genetisch manipulierte Embryonen. Sie wollen damit mehr über deren Entwicklung herausfinden. Kritiker sehen darin den ersten Schritt zum Designerbaby.

Raffael Schuppisser / aargauer zeitung



Der Aufschrei war gross, als im letzten Frühling chinesische Forscher menschliche Embryos gentechnisch veränderten. Führende Molekularbiologen und Bioethiker meldeten sich zu Wort und verurteilten die Eingriffe ins menschliche Erbgut. Journalisten stellten klar, dass ein solcher Eingriff in den meisten westlichen Ländern verboten wäre.

Doch zumindest für Grossbritannien gilt das nicht: Gestern hat die Kontrollbehörde Human Fertilisation and Embryology Authority (HFEA) grünes Licht gegeben für Genmanipulationen an Embryos zu Forschungszwecken. Ein entsprechender Antrag von Wissenschaftern des Francis Crick Institute in London wurde gutgeheissen.

«Wir möchten verstehen, welche Gene es braucht, damit aus einem Embryo ein gesundes Baby wird»

Molekularbiologin Kathy Niakan

In einem Experiment möchte die Molekularbiologin Kathy Niakan mit ihrem Team Gene manipulieren, die in den ersten Tagen nach der Befruchtung aktiv sind. Sie wollen so mehr über die Entwicklung von Embryos herausfinden und dazu beitragen, dass die künstliche Befruchtung erfolgreicher wird. «Wir möchten verstehen, welche Gene es braucht, damit aus einem Embryo ein gesundes Baby wird», erklärte Niakan gegenüber der BBC. Viele der Gene, die während der frühen Phase aktiv seien, kämen nur beim Menschen vor, sodass Tiermodelle nicht infrage kämen.

Eine rote Linie ist überschritten

Für ihr Experiment nutzen die Forscher eine Technologie namens Crispr-Cas9. Mit dieser noch jungen, aber revolutionären Technologie lässt sich die DNA auf einfache Weise umschreiben, indem Gene hinzugefügt, entfernt oder ausgetauscht werden. Nachdem die britischen Forscher die befruchteten Eizellen damit behandelt haben, wollen sie diese zu einer «Blastozyste», einer Struktur aus 200 bis 300 Zellen, heranwachsen lassen. Nach sieben Tagen soll das Experiment mit der Zerstörung der Embryos enden. Es wird also kein Embryo eingesetzt; es entstehen keine genmanipulierten Babys. Das wäre in England auch gar nicht erlaubt. Und dennoch überschreiten die Forscher mit ihrem Experiment eine rote Linie. Sie greifen in den Code des menschlichen Lebens ein.

«Wenn es darum ginge, genetisch manipulierte Kinder zu produzieren, würden bei mir die Alarmglocken läuten.»

Christoph Rehmann-Sutter, Professor für Bioethik in Lübeck und ehemaliger Präsident der Schweizer Ethikkommission.

Genmanipulation: So funktioniert die Crispr/Cas9-Methode

Zielgerät und Schere: Das Verfahren arbeitet mit zwei Instrumenten. Das eine ist eine Art Zielführungsgerät, das andere eine Schere. Als Leitmechanismus funktioniert eine RNA-Sequenz, die identisch ist mit dem Stück auf dem Träger der Erbinformation (DNA), welche angegriffen oder repariert werden soll. Als Schere dient das Cas9-Protein. Die RNA-Sequenz stammt zum Beispiel von einem früheren Rencontre mit dem Virus und wird zwischen den CRISPRs gespeichert. Trifft die RNA-Sequenz in der Zelle auf eine identische Stelle in einem DNA-Strang, lässt sie die Schere dort den DNA-Faden zerschneiden. Das Virus kann sich nicht mehr replizieren.

Bild

bild: screenshot/az

Kritiker sehen darin bereits den ersten Schritt zum Designerbaby. Ist die Technologie erst einmal erprobt und funktioniert sie zuverlässig, so würde sie auch genutzt werden, um Babys genetisch zu verändern, befürchten sie. «Wenn es darum ginge, genetisch manipulierte Kinder zu produzieren, würden bei mir die Alarmglocken läuten», sagt Christoph Rehmann-Sutter, Professor für Bioethik in Lübeck und ehemaliger Präsident der Schweizer Ethikkommission.

Im Experiment der britischen Forscher sieht er aber nichts Verwerfliches. Der Zweck des Experiments, mehr über die embryonale Entwicklung herauszufinden und die künstliche Befruchtung zu verbessern, und die Bedingung, dass der Embryo nur wenige Tage entwickelt und nicht eingepflanzt wird, können einen solchen Eingriff rechtfertigen, findet Rehmann-Sutter.

Dürfen Embryos für die Forschung genetisch manipuliert werden?

Gemäss dem Fachblatt «Nature» ist es das erste Mal weltweit, dass eine nationale Aufsichtsbehörde Genmanipulation an einem menschlichen Embryo erlaubt hat. In China, wo letztes Jahr zum ersten Mal mit Crispr-Cas9 das menschliche Erbgut manipuliert wurde, war eine solche Einwilligung nicht nötig. Umso lauter war deshalb die Empörung. Wo es nur unzureichende Regulierungen gibt, ist die Gefahr des Missbrauchs umso grösser. Dennoch geht nun das Experiment der englischen Forscher sogar einen Schritt weiter.

Ihre chinesischen Kollegen hatten für die Manipulation fehlgebildete Embryos mit drei kompletten Chromosomensätzen verwendet (sogenannte Triploide), die sich gar nie zu einem funktionsträchtigen Menschen hätten entwickeln können. «Die chinesischen Forscher begaben sich so auf die sichere Seite», sagt Rehmann-Sutter. In England hingegen sollen gesunde Embryonen für das Experiment verwendet werden.

Erbkrankheiten heilen

Das Experiment der englischen Forscher, zu dem nun noch eine Ethikkommission seine Zustimmung geben muss, wird zeigen, wie gut sich Crispr am Menschen anwenden lässt. Denn die chinesischen Wissenschafter hatten damit noch reichlich Probleme. Nur bei 4 von 54 mit Crispr veränderten Embryos kam es zur gewünschten Mutation – und auch diese vier hatten weitere, nicht beabsichtigte Veränderungen, sogenannte «off-target»-Mutationen.

Doch seit das Experiment in diesem Frühling durchgeführt wurde, hat sich Crispr weiterentwickelt. «Heute würde das Experiment mit grosser Sicherheit viel erfolgreicher verlaufen», sagt Gerald Schwank, der an der ETH-Zürich mit der Crispr-Technologie experimentiert. Georg Church, einer der führenden US-Molekularbiologen, erklärte gegenüber der Zeitschrift «Wired» sogar, dass man das Problem mit den «off-target»-Mutationen bereits in den Griff bekommen habe.

Es ist dieser rasende Fortschritt, der Angst macht. Sogar den Mikrobiologen selber. Sie warnen, dass ihre Technologie «gefährliche und ethisch inakzeptable Entwicklungen» zufolge haben könnte.

Denn wenn die Technologie erst einmal zuverlässig funktioniert, könnte man mit ihr Erbkrankheiten heilen. Man könnte aber auch Designerbabys erschaffen. Und dann stellt sich die Frage: Wo macht man halt? Merzt man nur Gendefekte aus? Oder ist es auch okay, wenn man über die Haar- und Augenfarbe der Kinder bestimmt? Oder die Intelligenz?

Doch selbst wenn man den Menschen nicht optimiert, sondern bloss Krankheiten heilt, so liessen sich die Auswirkungen eines solchen Eingriffs nicht abschätzen. Denn die genetischen Veränderungen hätten nicht nur Folgen für den Menschen, bei dem sie gemacht werden. Sie würden auch an die kommenden Generationen weitervererbt werden. 

Das könnte dich auch interessieren: Gesundheit und Ernährung

Futurologe Lars Thomsen über die Zukunft der Arbeit: «Die Stempeluhr hat ausgedient»

Link zum Artikel

Weisst du eigentlich irgendwas zu deinem Körper? Dieses Quiz bringt dich auf die Welt!

Link zum Artikel

Polizei verhaftet illegal praktizierende Ärztin und ihre Helferinnen in Adlikon ZH

Link zum Artikel

RTL-Reporter isst so viel Plastik wie möglich – das Resultat ist äusserst unschön

Link zum Artikel

4 Grafiken zur Gesundheit in deinem Kanton – und wo du am längsten lebst

Link zum Artikel

Kaffee: 19 positive Effekte auf die Gesundheit gibt es, sagt die Wissenschaft

Link zum Artikel

Haben Schlankmacher-Pillen 500 Menschen getötet? Prozess in Frankreich hat begonnen

Link zum Artikel

Essbar oder giftig? Beweise dich im Pilz-Quiz!

Link zum Artikel

Bekannte Medikamente gegen Sodbrennen sollen krebserregend sein

Link zum Artikel

Acht Tote und über 900 Verletzte durch E-Zigaretten

Link zum Artikel

Handfehlbildungen: Betroffene Mutter erzählt von Erfahrungen

Link zum Artikel

«Dass Pornos immer verfügbar sind, ist ein Problem»

Link zum Artikel

So sehen Depressionen aus – in 16 traurig-wahren Cartoons

Link zum Artikel

Neue Studie zeigt: 33'000 Suizidversuche innert eines Jahres in der Schweiz

Link zum Artikel

Zürcher Ärzte ersetzen Hauptschlagader eines 9-Jährigen durch eine Prothese

Link zum Artikel

Kommt es zum Werbeverbote für Zigaretten?

Link zum Artikel

Thurgauer Kinder dürfen nicht zum Arzt wenn die Eltern die Prämien nicht zahlen

Link zum Artikel

Möglicher Grund für Gewichtszunahme im Alter: Fettabbau lässt nach

Link zum Artikel

Jede Minute sterben fünf Menschen – wegen falscher medizinischer Behandlung

Link zum Artikel

Gesundheits-«Arena»: Im Lobbyismus-Streit verzichtet SP-Frau Gysi glatt auf das Kamera-Sie

Link zum Artikel

Hans Christian Gram machte die Bakterien bunt und rettete damit Unzähligen das Leben

Link zum Artikel

«Bin nudelfertig»: SBB-Personal leidet wegen Schüttelzug unter gesundheitlichen Problemen

Link zum Artikel

Riley wacht jeden Morgen auf und glaubt, es sei der 11. Juni

Link zum Artikel

Und nun die wichtigste Frage des Tages: Wie gesund sind Toilettenhocker?

Link zum Artikel

Umstrittenes Tabak-Sponsoring: Stoppt Ignazio Cassis die Partnerschaft mit Philip Morris?

Link zum Artikel

Ohio ist Schauplatz des grössten Zivilprozesses in der Geschichte der USA

Link zum Artikel

Bikini-Figur nicht nötig? Hier 23 Übungen, wie du sie garantiert vermeiden kannst

Link zum Artikel

Hast du eine Farbsehschwäche? Diese weltberühmten Gemälde zeigen es dir!

Link zum Artikel

Tabak-Multi ist Hauptsponsor des Schweizer Pavillons – das entsetzt viele Experten

Link zum Artikel

«So sehen Depressionen aus» – Facebookpost einer jungen Frau geht viral

Link zum Artikel

Anthroposophen finanzieren Professur an der Uni Basel – das sorgt für Ärger

Link zum Artikel

Wegen Ebola-Epidemie im Kongo – WHO erklärt internationalen Gesundheitsnotstand

Link zum Artikel

«Clean Meat»-Trend boomt – kommt der Burger bald aus dem Labor?

Link zum Artikel

Ampelsystem Nutri Score – gesunde Fertiglasagne, ungesunde Nüsse

Link zum Artikel

Darum solltest du auf Gesundheitstips via YouTube besser verzichten

Link zum Artikel

Viagra und Co.: Der Schweizer Zoll fängt so viele Potenzpillen ab wie nie

Link zum Artikel

Neue Studie zeigt: Cannabis kann vermutlich noch viel mehr, als wir dachten

Link zum Artikel
Alle Artikel anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Themen

Was Männer für ihre Prostata tun können (bevor es zu spät ist)

In jungen Jahren nehmen Männer ihre Prostata kaum wahr, im Alter jedoch bereitet sie oft Probleme. Dann beginnt das kastaniengrosse Organ langsam zu wachsen. Wie gross es wird und ob sich irgendwann Krebs entwickelt, hängt dabei von vielen Faktoren ab – auf einige haben Männer Einfluss. Diese Tipps helfen, dass die Prostata gesund bleibt. 

Irgendwann beginnt bei jedem Mann die Prostata zu wachsen. Meist macht sich das Organ ab dem 50. Lebensjahr bemerkbar. Laut Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) sind rund die Hälfte der über 60-Jährigen betroffen. Ein abgeschwächter Harnstrahl, Nachtröpfeln sowie häufiger Harndrang gehören zu den häufigen Beschwerden der gutartigen Prostatavergrösserung , medizinisch Benignes Prostatasyndrom (BPS) genannt.

Schuld an dieser Prostataerkrankung sind altersbedinge Veränderungen im Hormonhaushalt. …

Artikel lesen
Link zum Artikel