DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.

Hinterbliebener von Rupperswil: «Da beginne ich zu ahnen, dass man mich verdächtigt»

Georg Metger, Angehöriger der Ermordeten von Rupperswil, erzählt, wie er plötzlich in den Fokus von Polizei und Medien geriet. Nun nimmt er seine Geschichte selber in die Hand.
11.04.2018, 15:03
Andreas Maurer / Aargauer ZEitung
Georg Metger hat ein Buch über seine Sicht geschrieben
Georg Metger hat ein Buch über seine Sicht geschrieben
Bild: KEYSTONE

Darf man aus dem Leid der Angehörigen ein Geschäft machen? Daniel Dunkel, Chefredaktor der Zeitschrift «Schweizer Familie», ist hin- und hergerissen. In der aktuellen Ausgabe denkt er in einem Artikel darüber nach, ob es richtig sei, einen exklusiven Vorabdruck aus dem Buch von Georg Metger (50) zu publizieren. Dieser war der Partner von Carla Schauer, die 2015 in Rupperswil AG mit ihren beiden Söhnen und der Freundin des Älteren ermordet worden war.

Das Buch erscheint morgen Donnerstag und wird vom Zürcher Wörterseh-Verlag herausgebracht, der mit der Tamedia-Zeitschrift eine Medienpartnerschaft eingegangen ist. Der Chefredaktor berichtet von seinen Zweifeln: «Der Gedanke, dass sich die ‚Schweizer Familie‘ auf Kosten der Opferfamilien journalistisch profiliert, war mir zuwider.»

Dennoch entschied er sich dafür, da er Metger stellvertretend für alle Opferfamilien eine Stimme geben wolle. Was Dunkel nicht weiss: Seine Verlagsabteilung nutzt den exklusiven Vorabdruck für eine Marketingaktion, um Probeabos zum Spezialpreis zu verkaufen.

Vom Opfer zum Tatverdächtigen

Metger hadert ebenfalls mit seiner Rolle, wie er im Buchauszug schreibt. Es beginnt mit der Einvernahme auf dem Polizeiposten. Er glaubt, als Angehöriger befragt zu werden. Als die Polizisten seine Hände und Nägel auf Russspuren untersuchen, hätten sie gesagt, es handle sich um eine Routineuntersuchung. Metger: «Erst als ich meinen Tagesablauf akribisch schildern und viele seltsame Fragen beantworten muss, beginne ich zu ahnen, dass man mich als Verdächtigen qualifiziert.» Zu diesem Zeitpunkt habe er am liebsten tot sein wollen.

Metgers Buch "für immer" 
Metgers Buch "für immer" 

Zuerst gerät Metger in den Fokus der Polizei, dann in jenen der Medien. Der «Blick» spekuliert nach der Tat: «Drehte der Ex-Mann durch?» Metger berichtet, dass er nach diesem Artikel von «obskuren Theoretikern», religiöse Gemeinschaften und Hellsehern kontaktiert worden sei. «Aber auch Frauen, die mich auf der Stelle heiraten möchten, gelangten an mich.» Zudem habe er Schreiben wie dieses erhalten: «Hey, sorry für die Störung. Weisst du, wer der Täter ist?» Metger: «Ich blicke auf den Bildschirm meines Handys. Ich kenne den unhöflichen Fragesteller nicht, der mich duzt und diese absurde Frage stellt.»

Der Staat habe sich zu wenig um ihn gekümmert

Metger fühlt sich allein gelassen: «Wir Angehörigen haben viel Unterstützung erfahren durch unser Umfeld, aber von Staates wegen wurde wenig unternommen, dass wir nicht in ein schwarzes Loch fielen.» Im Umgang mit Medienvertretern hätte er sich eine staatliche Stelle gewünscht, die ihn beraten und geschützt hätte. Die Polizei hätte aus seiner Sicht verhindern sollen, dass ein Fotograf die Erinnerungsbilder der Familie nach dem Trauergottesdienst aufnehmen konnte. Metger kritisiert, dass die «Schweizer Illustrierte» die Bilder auf der Titelseite zeigte.

Inzwischen hat Metger seine Geschichte selber in die Hand genommen und publiziert sie freiwillig in einer Illustrierten. Damit die in Ich-Form geschriebenen Sätze gut klingen, holte er sich Unterstützung der Autorin Franziska Müller. Selber wolle er, der als Filialleiter einer Bank arbeitet, kein Geld daran verdienen. Er kündigt an, die Tantiemen für wohltätige Zwecke zu spenden.

16. März 2018: Georg Metger, Lebenspartner der ermorderten Carla Schauer, vor den Medien: «Es war für alle eine schwierige Zeit»

Wenige Minuten nach dem Urteil gegen Vierfachmörder Thomas N. spricht Georg Metger, der Lebenspartner der getöteten Carla Schauer, zu Journalisten.
Video: © Tele M1

Der Fall Rupperswil

Alle Storys anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Neue Studie zeigt: Wie Richterinnen und Richter durch die Politik beeinflusst werden

Eigentlich sollte die Justiz unabhängig sein. Doch Wiederwahlen an den Gerichten prägen die Rechtsprechung. Die Parteien wollen das nicht ändern. In ihre Kassen fliesst viel Geld aus den Gerichten.

In der Theorie funktioniert es so: Richterinnen werden nach Parteistärken gewählt, damit alle Werte an den Gerichten demokratisch gerecht vertreten sind. Sobald ein Richter im Amt ist, soll die Partei aber keine Rolle mehr spielen. Richter, die Parteimitglieder sind, stellen eine Schweizer Besonderheit dar. Eine weitere ist: Jeweils nach sechs Jahren finden Gesamterneuerungswahlen des Bundesgerichts statt. Internationaler Standard sind längere, einmalige Amtszeiten. In der Schweiz hingegen …

Artikel lesen
Link zum Artikel