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Emma Amour

Die Beaus von damals sind (fast alle) die Loser von heute 

In der Pubertät gehörte Emma weiss Gott nicht zu den coolen Kids. Nachdem sie also ihre Jugend damit verbrachte, heimlich in die John Geilos verknallt zu sein, merkt sie heute: Die damaligen Götter sind die heutigen Verlierer. Ausser Patrick, der Breakdance-Held!
27.04.2018, 10:0628.04.2018, 08:02

In Sachen Sex bin ich eine Spätzünderin. Bei meinem ersten Mal war ich 18. Meine Girlie-Crew verlor ihre Unschuld viele Jahre vorher. Während die mir also alle in den Ohren lagen, wie geil Sex doch sei, war ich nicht nur mit meiner unreinen Haut und meinen emotionalen Schwankungen beschäftigt, nein, ich musste mich auch mit der blanken Panik vor dieser Sex-Hürde rumschlagen.

Es ist nicht so, dass ich aus romantischen Gründen so lange unberührt war. Oder dass ich auf den Traumprinzen wartete. Die Wahrheit ist: Ich gehörte nicht zu den coolen Kids. Und ich gehörte noch viel weniger zu den Mädchen, denen die Jungs an die Wäsche wollten.

Nächtelang in den Schlaf geheult

Die Gründe dafür sind simpel: Unreine Haut, Übergewicht und unmögliche Vokuhila-Frisuren und Dauerwelle in allen möglichen Farben sind nur ein paar davon. Ausserdem kleidete ich mich bis 16 wie ein Junge: XXXL-Stüssy-Pullis, XXXL-Fubu-Jeans und kein Make-up waren mein Credo. Kurz: Ich sah scheisse aus.

Während meine Freundinnen Röckli, Wimperntusche und die Backstreet Boys entdeckten, setzte ich auf Cypress Hill und Basketball. Retroperspektiv kann ich es keinem Bub, der nicht auf mich stand, übel nehmen. Damals aber war das unfassbar kacke. Ich weiss nicht, wie viele Nächte ich mich in den Schlaf geweint habe, weil ich in Reto, den Chef-Skater, in Guido, den Super-Schönling, in Goran, den Töffli-Frisier-Champion oder in Patrick, den Breakdance-Helden verknallt war.

Um die Geschichte einer fiesen Pubertät zu verkürzen und doch noch ein Happy End reinzubringen: Mit 15 wurde ich geküsst. Von einem herzigen Italo-Buben aus der Nachbarschaft (Danke, Massi!) und eben kurz nach meinem 18. Geburtstag entjungferte mich mein erster Freund, mit dem ich tatsächlich sechs Jahre zusammen war.

Morgens um halb vier begegne ich dem Lachen, das ich heiraten will

Seit all meinen unerwiderten Lieben sind plusminus 17 Jahre vergangen. Die damaligen Herzbuben habe ich seither nie mehr gesehen. Ich bin früh ausgezogen, sie leben alle immer noch im gleichen Kaff. Und sie hängen immer noch zusammen ab, wie ich letzte Woche merke, als ich der Truppe begegne. Morgens um halb vier in einer Imbissbude beim Escher-Wyss-Platz.

Ich begrüsse das Trüppli. Reto, der Chef-Skater und Goran, der Töffli-Friesier-Champion haben keine Ahnung, wer ich bin. Erst nach längerer Erklärung dämmert's. Jetzt aber springen sie alle auf und begrüssen mich herzlich. Ich würde ganz anders aussehen als anno dazumal, sagt Patrick, der Breakdance-Held. An den erinnere ich mich am wenigsten. Dabei hat er ein Lachen, das ich heiraten will. Was ich denn jetzt mache, wo ich wohne, ob ich Kinder habe, blabla.

Zwei Kinder von der Dorfmatratze

Ich antworte und will im Gegenzug auch alles wissen. Ihr Leben ist schnell zusammengefasst: Goran ist arbeitsloser Heizungsmonteur, Guido und Chris haben je ein Kind – mit der gleichen Frau. Anno dazumal nannten wir sie die Dorfmatratze. Chris wohnt wieder bei seinen Eltern. Die Alimente! Und die anderen Ex-John-Geilos, die auch hier sitzen, in die ich aber nicht verliebt war, haben es auch nicht viel weiter geschafft: Es fallen Begriffe wie «Insolvenz» und «abgebrochene Ausbildung».

Die Sonne geht bereits auf, als ich mit meinem Computer auf dem Bett sitze, um all die Typen zu facebooken, zu instagramen und zu googeln. Ich erwarte vieles – und werde dennoch überrascht: Reto ist Mitglied in der Gruppe «Ich wähle SVP». Auf seinem Rücken hat er sich das Schweizer Wappen tätowieren lassen. Guido postet derweil deepe Sprüche im Stil von «Das Wesentliche ist für das Auge unsichtbar».

Während ich mich durch all die Profile scrolle, erreicht mich ein Friendrequest. Von Patrick. Dazu eine Message:

«Früher hätte ich meinen Puch darauf verwettet, dass du dir eines Tages einen Penis operieren lässt und Bauer wirst. Gut, dass beides nicht eingetroffen ist.»

Ob so viel Originalität in so wenig Text bin ich dermassen entzückt, dass ich ewig lange an einer adäquaten Antwort rumstudiere. Und keine finde. Ich döse über dem Computer ein. Was dazu führt, dass ich ihm mit «dguidg’fuowfoPWI8FdjaohdiC» antworte. Worauf er erwidert:

«Kannst du das eventuell nochmal wiederholen?»

Ich:

«Ja, klar. Hast du Lust auf ein Treffen am See hinter der grossen Villa? Da wo wir immer heimlich geraucht und getrunken haben? Ich bringe Zigis. Du die Zutaten für Gummibärli?»

Er:

«Wenn wir schon dabei sind, kümmere ich mich auch noch um Musik. Nirvana. Und ums Gras. CBD natürlich.»

Ich:

«Smells like Teen Spirit. Was ich sagen will: Ich freue mich!»

Adieu,

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Das bin nicht ich, aber so würde ich als Shutterstock-Illustration aussehen. Öppe.
Das bin nicht ich, aber so würde ich als Shutterstock-Illustration aussehen. Öppe.
bild: shutterstock/unsplash/watson

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