Schweiz

Ein Arzt und eine Ärztin in der Hirslanden-Klinik Zürich. Bild: KEYSTONE

Tarif-Knatsch zwischen Krankenkassen und Ärzten – drei Lösungsvorschläge

Was soll ein Arzt verdienen? Eine Antwort auf diese Frage müssten die Krankenversicherer und Ärzte gemeinsam aushandeln. Doch seit Jahren finden die Tarifpartner keinen gemeinsamen Nenner.

01.11.16, 08:03 01.11.16, 08:46

Anna Wanner

Dabei wäre eine Änderung dringend nötig: Je nach Fachbereich und Leistung sind die Kosten massiv überhöht. An einem einzelnen Eingriff kann ein Arzt ein Vielfaches dessen verdienen, was die Krankenversicherer für «sachgerecht» halten. Verena Nold, Direktorin des Kassenverbands Santésuisse, nennt als Beispiel die Operation eines Grauen Stars: «Früher brauchte ein Arzt dafür drei Stunden, heute schafft er es in zwanzig Minuten.»

Abrechnen könne ein Augenarzt jedoch so, als hätte er dafür etwa zehn Mal länger gebraucht. Was er dadurch zusätzlich in die eigene Tasche steckt, bezahlt jeder über die steigenden Krankenkassenprämien. 

Die vierte verstrichene Frist

Zwar haben längst auch Ärzte eingesehen, dass der Tarif überholt und eine Änderung angezeigt ist. Nur sind diese untereinander derart zerstritten, dass sie im vergangenen Sommer den über Jahre mit Spitälern und Unfallversicherern ausgehandelten Tarif haushoch ablehnten. Viele Facharztgruppen hatten Angst, die Tarifänderung könnte sie schlechterstellen. Einzig der Spitalverband H+ hielt am neuen Tarif fest und reichte dem Bundesrat das Werk ein.

Die Änderung ist damit nicht vollzogen: Dafür braucht es neben der Zustimmung der Regierung auch einen Versicherer als Tarifpartner. Der ursprüngliche Partner, der Kassenverband Curafutura, sprang im Sommer ab, als durchsickerte, dass der neue Tarif vier Milliarden Franken kosten könnte.

Verena Nold, Direktorin des Kassenverbands Santésuisse. Bild: KEYSTONE

So lief die Frist des Bundesrats für die Tarifrevision ungenutzt aus. Eigentlich wäre damit die Voraussetzung erfüllt, dass der Bundesrat einschreitet und den Tarif eigenhändig anpasst. Doch Gesundheitsminister Alain Berset gewährte zum wiederholten Mal Aufschub. Bis gestern.

Ein leiser Hoffnungsschimmer?

Die Chance, ein staatliches Eingreifen zu verhindern, blieb diesmal nicht ungenutzt. Kurz vor Ablauf der Frist preschten die Versicherungsverbände vor und reichten je einen Vorschlag zur Revision des Tarmeds ein.

Gewährte Aufschub: Gesundheitsminister Alain Berset. Bild: KEYSTONE

Curafutura will über sofortige Eingriffe rund 600 Millionen Franken an Kosten sparen – auf Kosten der Ärzte. Die Branche schüttelt darob den Kopf: Das Vorgehen gegen den Willen der Ärzte hat sich bereits zuvor als Fehler erwiesen. Diese rechneten nach der letzten Tarifanpassung häufiger «Leistungen in Abwesenheit des Patienten» ab. Zu deutsch: Mit Aktenstudium werteten sie ihren Lohn auf.

Wenig überraschend lehnt der Ärzteverband FMH den Vorschlag ab: Die heutige Tarifstruktur werde noch stärker verzerrt. Auch H+ bedauere den plötzlichen Alleingang von Curafutura, wie Direktor Bernhard Wegmüller sagt. «Dies ist für die künftigen Arbeiten an der Gesamtrevision gefährlich.»

Bernhard Wegmüller. Bild: KEYSTONE

Doch auch was die Konkurrenz vorschlägt, stösst auf Kritik. Santésuisse hat zusammen mit den Augenärzten und Kardiologen eine Änderung des aktuellen Tarifs vorgeschlagen: Häufige Eingriffe sollen neu über Leistungspauschalen abgegolten werden. Das System soll vereinfacht und die vielen Einzelleistungen gekürzt werden. «Da die Totalrevision gescheitert ist, versuchen wir es jetzt Schritt um Schritt», rechtfertigt Verena Nold den, der in Absprache mit den jeweiligen Spezialärzten entstanden ist.

Die Einführung von Pauschalen habe nichts mit einer Revision des Tarmeds zu tun, kritisiert H+-Direktor Bernhard Wegmüller. «Pauschalen zwischen einzelnen Versicherern und Leistungserbringern sind nichts neues und wurden schon in Vergangenheit vereinbart.» Er hält an dem im Sommer eingereichten neuen Tarifwerk fest. 

Damit ist es am Bundesrat, sich zu entscheiden, mit welchem der drei imperfekten Vorschläge er weiter arbeiten will. Die jeweiligen Gegner stehen heute bereits fest.

Apropos Ärzte-Jobs: Unter anderem Mediziner könnten durch intelligente Roboter ersetzt werden ...

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  • lucasm 01.11.2016 09:51
    Highlight Ärzte wären wie staatsangestellte im weitesten sinne zu behandeln (da gesetzlich bestimmt wird, zu welchem preis wir ihre leistungen konsumieren). Wie gross wäre der aufschrei, würde ein polizist oder ein strassenwischer seinen lohn selbst bestimmen und dies erst noch extrem grosszügig. Die ärzte müssen von der politik in die schranken gewiesen werden (starke lobbyarbeit verhindert dies leider).
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  • Nonsens Ursus 01.11.2016 09:04
    Highlight Verwechselt nicht Einkommen und Gewinn. Auch wenn Zeitdauer bei einem Eingriff wie bei Grauer Star deutlich verringert wurden, wird das kompensiert durch Medikamente und technisches Zubehör. Die sind der Hauptgrund, weshalb die Eingriffe immer schneller von statten gehen.
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  • kleiner_Schurke 01.11.2016 08:20
    Highlight Nein. Und um alle Illusionen zu zertrümmern, die Priese werden nie sinken, never ever. Nop, nix da, ganz sicher nicht. Denn wer könnte an sinkenden Preisen interessiert sein? Die Ärzte? Die Kassen? Die Spitäler? Die pharmazeutische Industrie? Politiker? Die müssen alle jedes Jahr den Umsatz steigern. Denkt also wirklich irgendjemand ernsthaft die würden die Preise sänken wollen? Eher friert die Hölle zu als das die Kosten im Gesundheitssystem sinken!
    34 7 Melden
    • helios 01.11.2016 09:24
      Highlight Krankenkassen sind schon daran interessiert so wenig wie möglich auszugeben. Jeder gesparte Franken bleibt in deren Topf. Zumindest ein Teil davon ...
      9 5 Melden
    • Walter Sahli 01.11.2016 09:35
      Highlight Da muss ich Dir leider recht geben, Schurke. Es sind so viele Player im Spiel und keiner will auf irgendwas verzichten, dass es illusorisch ist, zu hoffen, die Preise würden sinken.
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  • phreko 01.11.2016 08:19
    Highlight Muss ja ein Gewaltsvorschlag der Augenärzte und Kardiologen sein. Ausgerechnet von denen, die wohl am meisten zu verlieren haben, da ihre Durchschnittseinkommen weit über 400'000 CHF im Jahr liegen...
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