Aktuelle Themen:

bild: watson

Als sich hunderte Strassburger 1518 plötzlich zu Tode tanzten 

Publiziert: 18.01.19, 16:27 Aktualisiert: 19.01.19, 13:38

Was ist «Anekdoteles»?

Abgesehen davon, dass es sich hier um einen ungemein gelungenen Wortwitz handelt, ist Anekdoteles unser Kurzformat für schmissige historische Anekdoten.

Die Julisonne strahlt heiss und grell auf ein Grüppchen von tanzenden Menschen nieder. Sie schwitzen, drehen sich wild im Kreise, hüpfen vom einen Bein aufs andere. Manche schreien sogar. Ihre Glieder zucken, als führten sie ein krampfartiges Eigenleben. Ihre Augen sind dunstig und verklärt, während ihr Blick nicht mehr der Welt, sondern dem Himmel gilt.

So oder so ähnlich wie auf dem Kupferstich von Hendrik Hondius nach einer Zeichnung von Pieter Bruegel d. Ä. kann man sich Tanzwütige vorstellen. «Die Wallfahrt der Fallsüchtigen nach Meulebeeck», 1564. bild: wikimedia

Die Ratsherren von Strassburg vermochten es nicht, diesem rätselhaften Treiben ein Ende zu bereiten. In ihrer Verzweiflung baten sie die Ärzte um Rat. Man solle den Tanzwütigen eine Bühne auf dem Pferdemarkt errichten und ihren zügellosen Reigen nur wacker von Pfeifen, Trommeln, Geigen und Hörnern begleiten lassen, meinten diese. Auf diese Weise würden die Choreomanen bald schon mit dem Wahnwitz aufhören.

Die Ärzte sollten sich irren. Das «überhitzte Blut», das sie für die Ursache der Krankheit hielten, kühlte sich nicht ab. Die Leute tanzten die liederliche Plage nicht aus ihren Körpern hinaus, sondern gerieten nur immer tiefer in sie hinein. 

Anfangs war da nur Madame Troffea gewesen. Am 15. Juli 1518 trat sie auf das schmale Pflastersträsschen vor ihrem Haus und begann plötzlich damit, sich wie unter Zwang ganz sonderbar zu verrenken.

«Dieses Tanzes Urheberin war ein Weib namens Troffea, eine halsstarrige, wetterwendische, tolle Kreatur, die alle Menschen, und ihren lieben Mann besonders, durch ihre Albernheiten recht zu ärgern gedachte. […] Ihr Mann mochte das Tanzen nicht leiden, um dennoch aber tanzen zu können, gab die Frau vor, sie könne, sie wisse nicht von was angetrieben, es nicht lassen.»

Historisch-literarisches Anekdoten- und Exempelbuch, 1824

Detail einer Zeichnung nach Bruegels «Die Wallfahrt der Fallsüchtigen nach Meulebeeck». bild: wikimedia

Erst lachte man über sie, doch bald schon schlossen sich ihr andere an, sodass die Tanzwütigen bereits nach dem dritten Tage 34 zählten und Ende August schon 400. Hauptsächlich waren es Weiber, die solchermassen tobten wie die Irren, dass ihnen der Schaum vor den Mund trat und ihre Füsse bluteten. Sie tranken, assen und schliefen nicht mehr, bis sie vor Erschöpfung niedersanken – manch eine für die Ewigkeit. 15 pro Tag sollen sich laut der Strassburger Chronik des elsässischen Festungsbaumeisters Specklin ins Jenseits getanzt haben.

«Viel hundert fingen zu Strassburg an,
Zu tanzen und zu springen, Fraw und Mann,
Am offenen Markt, Gassen und Strassen,
Tag und Nacht ihrer viel nicht assen,
Bis ihn‘ das Wüthen wieder gelag.
St. Veits Tanz ward genannt die Plag.»

Daniel Specklin (1536–1589), Strassburger Chronik 

Deutscher Stich eines hysterischen Tanzes auf einem Kirchhof, ca. 17. Jahrhundert. Man beachte den abgetrennten Arm, den der Mann links vom Kreis schwingt. bild: wikimedia

Bald schon wurde die Bühne wieder abgebaut und die Musiker entlassen, denn das ganze Spektakel hatte nur die Verbreitung dieser garstigen Tanzpest zur Folge gehabt.

Der Strassburger Rat verbot daraufhin das Tanzen in der ganzen Stadt und ordnete an, die kranke Truppe zum Schrein des Heiligen Veit zu bringen, dem Schutzheiligen der Fall- und Tanzsüchtigen, an dessen Stätte schon in den vorangegangenen Jahrhunderten ein paar jener armen Seelen geheilt worden seien.

Schliesslich war der Heilige Veit ein Märtyrer, ein Wundertäter, den Kaiser Diokletian der alten Legende zufolge den Löwen zum Frass vorgeworfen habe, als er nicht den heidnischen Göttern opfern wollte. Doch die Löwen leckten ihm nur die Füsse und auch das siedende Öl, in das man ihn hernach warf, habe ihm nichts anhaben können – Engel erretteten ihn daraus.

Das Martyrium des hl. Veit im Kessel mit siedendem Öl, Darstellung vom Veitsaltar (1514/17) der Veitskirche in Flein. bild: wikimedia

Die Kapelle des Heiligen stand nahe der niederelsässischen Stadt Saverne, wohin nun die Tanzwütigen geführt wurden. Man las ihnen die Messe, dann erhielt jeder ein Paar roter Schuhe, um damit vor die Holzfigur des Wundertäters zu treten.

«An den Schuhen war unten und oben ein creutz mit balsam aus salböl gemacht und mit weywasser besprengt in St. Veits namen, da halff ihn vast allen.»

Daniel Specklin (1536–1589), Strassburger Chronik

Nochmal ein Detail einer Zeichnung nach Bruegels «Die Wallfahrt der Fallsüchtigen nach Meulebeeck». bild: wikimedia

Und in der Tat, sobald die Kranken den Schrein betraten, gaben sie die Tanzerei augenblicklich auf. Keiner von ihnen mochte sich an die vergangenen Tage und Wochen erinnern. Einzig ihre geschwollenen und wund getanzten Füsse zeugten von ihrem traumversunkenen Kampf.

Wahrheitsbox

Früheres Auftreten
Es wird überliefert, dass es bereits im 14. und 15. Jahrhundert im Gebiet um die Flüsse Rhein, Mosel und Maas vereinzelt zur «Tanzwut» gekommen sein soll. Menschengruppen tanzten ohne erkennbare Ursache so lange, bis sie in Ekstase verfielen und nach einigen Tagen vor Erschöpfung zusammenbrachen oder gar starben.

Bezeichnung
Im Mittelalter bezeichnete man dieses massenhysterische Phänomen als «Veitstanz» – benannt nach dem oben beschriebenen heiligen Veit, dem Schutzpatron der Tänzer, der auch in Fällen von Krämpfen, Epilepsie (Fallsucht), Tollwut und beim besagten Veitstanz angerufen wird.
Heute werden u.a. die Symptome (unwillkürliche, unkoordinierte Bewegungen) der erblichen Krankheit Chorea Huntington als «grosser Veitstanz» oder «Chorea major» bezeichnet.

Medizinische und kulturanthropologische Theorien
Was genau hinter der ominösen Tanzwut steckt, weiss man bis heute nicht genau.
Krankheiten wie Epilepsie, Gehirnentzündung, Chorea Huntington, etc. wurden als Auslöser durch die Jahrhunderte vermutet, allerdings sind dies alle individuelle, nicht ansteckende Krankheiten, die den epidemisch-psychogenen Charakter der beschriebenen Tanzwut nicht erklären. 
Paracelsus (1493/94-1541) zweifelte hingegen das ganze Phänomen grundlegend an. Er vermutete vielmehr, dass es sich um massenhafte sexuelle Ausschweifungen handle, weshalb er vorschlug, die Ereignisse als «chorea lasciva» zu bezeichnen.
Eine Vergiftung durch den Mutterkorn-Pilz wurde ebenfalls angenommen. Dieser befällt Nahrungs- und Futtergetreide wie Roggen und ist für Mensch und Vieh stark toxisch. Er kann Halluzinationen und Krämpfe auslösen. In Zeiten von schlechten Ernten und Hungersnöten, die im 16. Jahrhundert häufiger vorkamen, assen die Menschen in ihrer Not auch verschimmeltes Getreide. Der Historiker John Waller hat diese Hypothese in seinem Buch «A Time to Dance, a Time to Die. The Extraordinary Story of the Dancing Plague of 1518» (2008) dadurch widerlegt, dass eine solche Vergiftung auch die Durchblutung der Extremitäten einschränkt und so das tagelange und pausenlose Tanzen verunmöglicht.
Seiner Theorie zufolge ist der heilige Veit der Verursacher der Tanzwut, denn in den abergläubischen Köpfen der Menschen konnte dieser sie nicht nur von der Tanzwut erlösen, sondern sie auch damit strafen. Waller spricht vom «St. Vitus curse», der beim einfachen Volk wie eine sich selbsterfüllende Prophezeiung wirkte.
2013 stellte der Historiker Gregor Rohmann in seiner Studie «Tanzwut» eine kulturanthropologische These auf: Sie sei nicht durch Hysterie oder Halluzinationen ausgelöst worden, sondern stelle den Versuch dar, das Gefühl der Gottesverlassenheit durch Tanzen loszuwerden. Wer mehr zu seiner Theorie lesen will, den verweisen wir an dieser Stelle auf den Wikipedia-Artikel zur Tanzwut.

Arschtrompeten im Gebetsbuch und andere Obszönitäten aus dem Mittelalter

Nonne bei der Penis-Ernte. Bild in: «Rosenroman», Frankreich, 14. Jahrhundert. Alle Bilder der Slideshow sind von der wunderbaren Facebook-Seite «Discarding Images».
«Vergiss nicht, die Vögel zu füttern!» Der Legende zufolge hat Amēl-Marduk – in der Bibel Ewil-Merodach genannt – seinen Vater, den König Nebukadnezar II., nach seinem Tod aus dem Grab gezerrt und in 300 Stücke zerteilt, um die Befehle des grausamen Herrschers endgültig zunichte zu machen. Bild in: «Speculum humanae salvationis» (Heilsspiegel), Frankreich, 1462.
«Was machest tu in minen Ars?» Bild in: «Pontifical de Guillaume Durand», Avignon, vor 1390.
«Die Hure Babylon»: In der Offenbarung des Johannes sind die Kennzeichen der «grossen» Hurerei und Gräuel (v. a. Götzendienst). Die Hure ist die biblische Allegorie des Römischen Reichs. Bild in: Guyart des Moulins, «Bible historiale», Paris ca. 1400.
Erwartung trifft Realität. Bild in: «Luttrell-Psalter», England ca. 1325–1340.
Sternbild Krebs. Bild in: «Aratus Latinus», Stiftsbibliothek St.Gallen, 9. Jahrhundert.
Wenn Kronen nicht reichen. Bild in: Sammlung von Reiseberichten (Marco Polo, etc.), Paris, 1410.
Die Erschaffung Evas (aus einer Rippe Adams): Hoffentlich ist Gott noch nicht ganz mit ihr fertig ... Bild in: «Speculum humanae salvationis», Böhmen, ca. 1420.
Adam und Eva: Und so sehen die beiden ersten Menschen dann also aus. Bild in: Beatus von Liébana, «Commentaria in Apocalypsin», Saint-Sever, vor 1072.
Wer liesse sich schon nicht von sowas verführen? Bild in: «Miroir de la salvation humaine», Brügge, Belgien, ca. 1480.
Zungenkuss und ... whatever. Bild in: Beatus of Liébana, «Commentaria in Apocalypsin», Saint-Sever vor 1072.
Ritter Lancelot bekämpft die Löwen (ja, sie sehen scheisse aus, aber es sind wirklich Löwen). Bild in: «Lancelot du Lac», Hennegau, Belgien, 1344.
Der Höllenschlund. Bild in: Lambert de Saint-Omer, «Liber Floridus», Frankreich, ca. 1250–1275.
Höllenschlund II. Bild in: «Stundenbuch der Katharina von Kleve», Niederlande, ca. 1440.
Die Hölle: Bild in: «Speculum humanae salvationis», Böhmen, ca. 1420.
Apokalypse nach belgischer Vorstellung, ca. 1313.
Kopfstich. Der Mord am deutschen Minnesänger Reinmar von Brennenberg. Bild in: «Codex Manesse», Zürich, ca. 1304.
Die Armee der Bären. Bild in: Diebold Schilling der Ältere, «Spiezer Chronik», Bern 1484–85.
Mittelalterliche Treffsicherheit. Bild in: «Macclesfield Psalter», England ca. 1330–1340.
Die gemeine Alraune: Die menschenähnliche Wurzel des Nachtschattengewächses hatte dem mittelalterlichen Aberglauben zufolge magische Kräfte: Die Hexen schmissen sie in ihre Gebräue, was ihnen die Fähigkeit zu fliegen verlieh. Niemals sollte ein Mensch die Alraunenwurzel eigenhändig ausgraben. Der Schrei der Alraune sei so durchdringend und schrecklich, dass der Mensch augenblicklich in tiefe Bewusstlosigkeit fällt oder gar versteinert wird. Der glückliche Finder soll stattdessen seinen Hund die Ausgrabungsarbeit übernehmen lassen, so dass dieser statt seines Herren zu Stein erstarrt. Bild in: «Tacuinum sanitatis», Rheinland, 15. Jahrhundert.
Teufelsrochen. Bild in: «Macclesfield Psalter», England ca. 1330–1340.
Penis-Fuchur. Oder so. Bild in: «Decretum Gratiani» mit einem Kommentar von Bartolomeo da Brescia, Italien, 1340–1345.
Ein hübscher Hut. Bild in: «Decretum Gratiani» mit einem Kommentar von Bartolomeo da Brescia, Italien, 1340–1345.
Kaulquappen-Mann oder Sperma-Mann? Bild in: «Luttrell Psalter», England ca. 1325–1340.
Typ mit Eulen-Schulter. Bild in: «Luttrell Psalter», England ca. 1325–1340.
Narziss verliebt sich in sein Spiegelbild (ja, haha, er denkt, er sei schön!). Bild in: «Rosenroman», Frankreich, ca 1340.
Anusschütze. Bild in: «Pontifical de Guillaume Durand», Avignon, vor 1390.
Ähm, ja. Da läuft was über den Ast – und es sieht aus, als hätte es Terry Gilliam gezeichnet. Bild in: «Gorleston Psalter», England, 14. Jahrhundert.
Eine mächtige Arsch-Trompete. Bild in: «Stundenbuch» («Horarium»; das war ausgerechnet ein Gebets- und Andachtsbuch), Flandern, Belgien, 14. Jahrhundert. The Walters Art Museum
Selbiges liess sich auch mit Rössern veranstalten. Bild in: «Maastricht Stunden», Lüttich, Belgien, 14. Jahrhundert.
Halloween. Bild in: «Stundenbuch» («Horarium»; Gebets- und Andachtsbuch), Flandern, Belgien, 14. Jahrhundert. The Walters Art Museum
Der Kampf gegen fiese Schnecken. Bild in: «Gorleston Psalter», England 14. Jahrhundert.
Die Rache der Hasen. In mittelalterlichen Darstellungen sind die Rollen oft vertauscht. Hier wird der Hase zum Jäger und rächt sich am Menschen. Bild in: «Alexanderroman», Hennegau, Belgien.
«I schänke dir mis Härz». Bild in: «Aurora consurgens» (alchimistisches Traktat, wird Thomas von Aquin zugeschrieben, ist aber umstritten), St.Gallen, 15. Jahrhundert.
Was man aus der Initiale «E» so machen kann. Bild in: «Liederbuch des Zeghere van Male», Brügge, Belgien, 1542.
Was man aus der Initiale «M» so machen kann. Bild in: «Liederbuch des Zeghere van Male», Brügge, Belgien, 1542.
Was man aus der Initiale «H» so machen kann. Bild in: «Liederbuch des Zeghere van Male», Brügge, Belgien, 1542.
Ein seltsamer Zeitgenosse. Bild in: «Rutland Psalter», England ca. 1260.
Wenn dir die Seele aus dem Leib gezogen wird. Bild in: Matfre Ermengau, «Breviari d'amor», Okzitanien, 14. Jahrhundert.
Mittelalterliches Bondage. Bild in: «Toulouser Sitten» («Coutumes de Toulouse»), Toulouse, ca. 1295.
... und wie es gemeinhin endet ... Bild in: «Toulouser Sitten» («Coutumes de Toulouse»), Toulouse, ca. 1295.
Ameisen. Bild in: «Bestiarium» (mittelalterliches Tierbuch), Frankreich, ca. 1230–1260.
Devil changed his profile picture. Bild in: «Andachtsbuch von Louis de Guyenne», Paris, ca. 1414.
Eine royale Fledermaus. Bild in: Jean Mansel, «La Fleur des histoires», Frankreich, 1454.
Lion King. Bild in: Hugo von Trimberg, «Der Renner», Südtirol, 1468.
Läuse-Behandlung? Bild in: «Luttrell Psalter», England ca. 1325–1340.
Der Satz des Pythagoras. Bild in: «Luttrell Psalter», England ca. 1325–1340.
Sarazenen defäkieren vor der Kirche. Bild in: «Chroniques de France ou de St Denis», Frankreich 1332–1350.
Jesus, gib die Melone zurück! Bild in: Stundenbuch, Savoyen, ca. 1445–1450.
Und zum Abschluss: Auch schlechter Atem bedarf des Segens oder: Exorzismus – performt von Papst Leo IX. Bild in: Passion, Weissenau, Herzogtum Schwaben, 12. Jahrhundert.

Als Beethoven Napoleon ausradierte

Warum ein portugiesischer König Rache schwor, ein Herz ass und eine Tote krönte

Der Widerstand einer todgeweihten Ballerina im KZ Auschwitz

Auch ein königlicher Bauch riecht schlecht, wenn er platzt

Das könnte dich auch interessieren:

Wie ich nach 3 Stunden Möbelhaus von Wolke 7 plumpste

Die Fallzahlen steigen wieder leicht an – so sieht's in deinem Kanton aus

Der Mann, der es wagt, Trump zu widersprechen

Magic Johnson vs. Larry Bird – ein College-Final als Beginn einer grossen Sportrivalität

4 Gründe, weshalb die Corona-Zahlen des BAG wenig mit der Realität zu tun haben