DE | FR
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
bild: watson
Anekdoteles

Als im Wilden Westen aus der Haut eines Banditen Schuhe wurden

22.07.2018, 20:0131.08.2018, 11:15
Was ist Anekdoteles?
Abgesehen davon, dass es sich hier um einen ungemein gelungenen Wortwitz handelt, ist Anekdoteles unser Kurzformat für schmissige historische Anekdoten.

Am 16. August 1878 machte sich der Bandit Big Nose George gemeinsam mit seiner Räuberbande an den Gleisen nahe der Kleinstadt Medicine Bow in Wyoming zu schaffen. Der kommende Zug sollte entgleisen, auf dass sie ihn danach tüchtig ausrauben könnten.

Doch als die sieben Gesetzlosen in den Büschen versteckt des Zuges harrten, kamen zwei Bahnarbeiter des Weges. Sie kontrollierten die Schienen – und entdeckten die heimtückische Falle. Der eine lief sofort dem herannahenden Lokführer entgegen, um ihm noch rechtzeitig ein Warnzeichen zu geben. Der Zug stand still, bis die gefährliche Strecke wieder befahrbar war. Indes vermochten die Banditen nicht mehr zu tun, als verdriesslich in ihren Büschen zu hocken. 

Die Direktoren der Union Pacific Railroad versammeln sich 1866 auf dem 100. Meridian, aus dem später Cozad, Nebraska, etwa 400 km westlich von Omaha, Nebraska Territory wird.
Die Direktoren der Union Pacific Railroad versammeln sich 1866 auf dem 100. Meridian, aus dem später Cozad, Nebraska, etwa 400 km westlich von Omaha, Nebraska Territory wird.
bild: wikimedia

Der Vorfall wurde sofort den zuständigen Gesetzeshütern gemeldet. Dort hatte man die Männer schon geraume Zeit im Visier. Und bald gelang es zweien davon, die ruchlose Bande aufzuspüren. Diese versteckte sich im Rattlesnake Canyon, wo Hilfssheriff Robert Widdowfield und Tip Vincent, ein Beamter der Union-Pacific-Eisenbahngesellschaft, die Halunken aufspürten.

Ihr Lagerfeuer mochten sie zwar vorsorglich ausgestampft haben, doch die sterbenden Flammen hauchten ihre rauchige Seele verräterisch in den klaren Nachthimmel. Es dauerte nicht lange, bis der Hilfssheriff vor der ausgemachten Feuerstelle stand, und als er seine Hand darüber hielt, spürte er die Wärme eben noch glühenden Lebens. 

Big Nose George Parrott – wegen seiner grossen Nase so genannt – war ein Viehdieb und Strassenräuber im Wilden Westen des späten 19. Jahrhunderts.
Big Nose George Parrott – wegen seiner grossen Nase so genannt – war ein Viehdieb und Strassenräuber im Wilden Westen des späten 19. Jahrhunderts.
bild: wikimedia

Plötzlich fiel ein Schuss, er kam aus einem der umliegenden Sträucher, und traf Widdowfield mitten ins Gesicht. Vincent rannte noch um sein Leben, bis auch ihn eine Kugel niederstreckte. Dann stoben die Banditen in alle Richtungen davon. 

Jetzt wurden 10'000 Dollar auf ihre Köpfe ausgesetzt. Denn die Männer waren keine gewöhnlichen Viehdiebe und Strassenräuber mehr, sie waren zu Mördern geworden.

Dem Gesetzlosen mit der grossen Nase gelang noch ein letzter Überfall auf einen stinkreichen Händler. Doch eines Tages im Jahre 1880 in Milestown (heute Miles City, Montana), berauscht vom Schnaps, der ihm noch mehr als sonst das Gefühl der Unbesiegbarkeit einzuflössen schien, brüstete er sich mit den Morden an den beiden Gesetzeshütern in Wyoming. Schon bald erreichte dieses forsche Selbstlob auch die Ohren des ortsansässigen Sheriffs, der den verbrecherischen Prahlhals daraufhin festnahm. 

Rawlins, Wyoming, der Heimat- und Sterbeort des Banditen Big Nose George Parrott um 1880.
Rawlins, Wyoming, der Heimat- und Sterbeort des Banditen Big Nose George Parrott um 1880.

Man brachte ihn zurück nach Wyoming und steckte ihn in Rawlins ins Gefängnis. Selbstverständlich dachte Big Nose nicht daran, untätig seiner Strafe entgegenzusehen. Er wollte nicht am Galgen enden, und so befreite er sich mit einem Taschenmesser und einem Stück Sandstein aus den schweren Fussschellen. Dann versteckte er sich im Waschraum, bis der Gefängnisdirektor Rankin im Gang auftauchte. Big Nose schlug ihm den Schädel ein, doch dieser wehrte sich tapfer und rief verzweifelt nach seiner Frau Rosa. Sie kam. In der Hand einen Revolver, der den Banditen restlos davon überzeugte, sich stracks wieder in seine Zelle zu begeben. 

Die Geschichte seines Fluchtversuchs war schnell in aller Munde. Wann sollte endlich wieder Ruhe und Ordnung in Rawlins einkehren? Die wütendsten der Bewohner beschlossen, diese eigenhändig wiederherzustellen. Sie stürmten das Gefängnis, hielten dem noch immer zertrümmerten Rankin ein Gewehr unter die Nase, nahmen ihm die Schlüssel ab und zerrten Big Nose aus seiner Zelle. 

Draussen wartete der Lynchmob, 200 äusserst aufgebrachte Menschen. Vor deren Augen knüpfte man den Banditen an einem Telegraphenmast auf, zwei Mal nicht ordentlich. Erst beim dritten Versuch fuhr er nach ungestümen Herumzappeln endlich in Richtung Hölle. Seine Ohren liess er auf dem Boden, das Seil hatte sie während des langen Todeskampfes von seinem Kopf gescheuert. Ein paar Stunden hing er noch da, der leblose Big Nose, bis sich die Ärzte Tomas Maghee, dessen 15-jährige Assistentin Lillian Heath und John Osborne seiner annahmen.

Dr. Osborne auf einem Jagdausflug.
Dr. Osborne auf einem Jagdausflug.

Sie sägten dem Toten unsanft die Schädeldecke auf, um an das kranke Gehirn zu kommen, in welchem solch kriminelle Kräfte gewaltet hatten. Sie fanden indes keine besonderen Spuren seiner Bösartigkeit. 

Dr. Osborne formte eine gipserne Totenmaske von Big Noses ohrenlosem Gesicht und ging dann dazu über, dem Toten die Haut von den Schenkeln und der Brust zu schneiden. Sie ging mitsamt einer Reihe sonderbarer Anweisungen an eine Gerberei in Denver. Zurück kam eine aus der verbrecherischen Haut gefertigte Medizintasche und ein Paar Schuhe.

Die ohrenlose Totenmaske von Big Nose George Parrott und die Schuhe aus seiner Haut, ausgestellt in der Rawlins National Bank, 1949. 
Die ohrenlose Totenmaske von Big Nose George Parrott und die Schuhe aus seiner Haut, ausgestellt in der Rawlins National Bank, 1949. 
bild: 

Zu Osbornes Leidwesen hatten die Gerber Big Noses Nippel nicht wie aufgetragen ins Schuhwerk eingearbeitet. Das hielt ihn indes nicht davon ab, sie mit Stolz geschwellter Brust an seinem Eröffnungsball zu tragen – 1892 wurde der Arzt zum ersten demokratischen Gouverneur von Wyoming gewählt. 

Den Rest der Banditenleiche bewahrte er in einem mit Salzlösung gefüllten Whiskeyfass auf. Ein Weilchen noch experimentierte er an Big Noses armen Überresten herum, bis er ihrer überdrüssig wurde und sie der Erde hinter Dr. Maghees Büro übergab. 

Die Schädeldecke aber bekam die junge Assistentin Lillian Heath. Und als sie die erste Ärztin des Bundesstaates wurde, diente ihr Big Noses halber Knochenkopf mal als Türstopper, mal als Aschenbecher oder Stifthalter auf ihrem ausladenden Bürotisch. 

Dr. Lillian Heath, Wyomings erste Ärztin.
Dr. Lillian Heath, Wyomings erste Ärztin.

Erst am 11. Mai 1950 wurde ein mit menschlichen Knochen gefülltes Fass von Bauarbeitern ausgegraben. Den Einheimischen war sofort klar, dass es sich hierbei um die Überreste von Big Nose handeln müsste.

Ein lokaler Zeitungsartikel berichtet über die Entdeckung der Überreste von Big Nose George im Jahr 1950 in Rawlins.
Ein lokaler Zeitungsartikel berichtet über die Entdeckung der Überreste von Big Nose George im Jahr 1950 in Rawlins.
Das Whiskeyfass mit Big Noses Überresten.
Das Whiskeyfass mit Big Noses Überresten.

Dr. Lilian Healths Mann brachte die noch immer im Besitze seiner Frau befindlichen Schädeldecke an den Fundort – und siehe da, sie passte perfekt zum unteren Teil, der sich im Whiskeyfass befand. Ein nachfolgender DNS-Test räumte jeden noch verbliebenen Zweifel aus: Bei dem Toten im Fass handelte es sich definitiv um den grossnasigen Banditen George Parrott. 

Die beiden Hälften des Schädels von Big Nose George Parrott wurden 1950 kurzzeitig wiedervereinigt. Lou Nelson, links, der Ehemann von Dr. Lillian Heath, der die obere Hälfte von Parrotts Schädel an den Fundort brachte.
Die beiden Hälften des Schädels von Big Nose George Parrott wurden 1950 kurzzeitig wiedervereinigt. Lou Nelson, links, der Ehemann von Dr. Lillian Heath, der die obere Hälfte von Parrotts Schädel an den Fundort brachte.

Nur die Medizintasche wurde bis heute nicht gefunden. 

Wahrheitsbox
Die Geschichte von Big Nose George Parrott ist, so schrecklich sie auch anmutet, wahr. Wer sich restlos davon überzeugen will, der mag das Carbon County Museum in Rawlins, Wyoming, besuchen, wo die Schuhe aus Big Noses Haut, der untere Teil seines Schädels und ebenso seine ohrenlose Totenmaske ausgestellt sind. 
Das Seil, mit dem er erhängt wurde, befindet sich zusammen mit der Schädeldecke im Union Pacific Railroad Museum in Omaha, Nebraska.
Die Schuhe aus Big Noses Haut.
Die Schuhe aus Big Noses Haut.
bild: carboncountymuseum
Die untere Schädelhälfte von Big Nose.
Die untere Schädelhälfte von Big Nose.
bild: carboncountymuseum

Anekdoteles

Alle Storys anzeigen

History Porn Teil XXXIV: Geschichte in 23 Wahnsinns-Bildern

1 / 24
History Porn Teil XXXIV: Geschichte in 23 Wahnsinns-Bildern
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

Abonniere unseren Newsletter

Vom Minirock zur Burka – Frauen in Afghanistan

Nachdem der Steinzeit-Islam in Form der Taliban erneut die Macht in Afghanistan übernommen hat, tauchen in den Medien wieder vermehrt Bilder aus vermeintlich glücklicheren Tagen auf: Frauen, die in den Sechziger- und Siebzigerjahren unverschleiert und in Miniröcken über die Strassen Kabuls flanieren. Frauen, die in den Achtzigerjahren an der Universität studieren und mit offenen Haaren durch Parks schlendern.

Diese vergleichsweise liberale Phase endete mit dem Abzug der Roten Armee Anfang 1989. …

Artikel lesen
Link zum Artikel