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Anekdoteles

bild: watson

Anekdoteles

Der Mann, der mit Langbogen, Breitschwert und Dudelsack in den 2. Weltkrieg zog



Was ist «Anekdoteles»?

Abgesehen davon, dass es sich hier um einen ungemein gelungenen Wortwitz handelt, ist Anekdoteles unser neues Kurzformat für schmissige historische Anekdoten. Die heutige Geschichte verdanken wir dem Input von User Schlafwandler.

Die Deutschen glaubten, Jack Churchill sei mit dem britischen Premierminister Winston Churchill verwandt. Dem war nicht so. Aber er mochte Geschichte ebenso wie sein Namensvetter. Und er liebte Tiere. Selbst Insekten fanden Platz in Jacks grossräumigem Herzen.

Mit zwanzig schloss er sich dem Manchester Regiment an, er lernte Dudelsack spielen und wurde richtig gut darin. Doch der Friede zwang ihn in ein Leben in der Kaserne – ein zu langweiliges Leben für den Mann, den alle bald nur noch «Mad Jack» rufen.

Er verlässt die Armee und geht auf eine grosse Europatour, wo er in «A Yank at Oxford» und «The Thief of Bagdad» als dudelsackspielender und bogenschiessender Komparse auftritt. 

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«The Thief of Bagdad» (1940), in dem Jack Churchill eine Minirolle übernahm.  bild: popsci

1939 nimmt Jack als Bogenschütze an der Weltmeisterschaft teil. Doch der Krieg führt ihn zurück in die soldatischen Reihen, er wird in Frankreich stationiert und schiesst an der Maginot-Linie seine Pfeile auf deutsche Patrouillen ab. In aller Stille bringen sie dem Feind den Tod, rund 180 Meter entfernt fallen die Getroffenen zu Boden.

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Der letzte Mann, der im modernen Krieg mit einem Langbogen tötete. Bei seinem Einsatz in Frankreich wird er gefangen genommen, doch er kann fliehen – mit einer Kugel in der Schulter.

Am 27. Dezember 1941 legt das Landungsboot an der Küste der norwegischen Insel Vågsøya an. Der Kommandant steht ganz vorn und bläst den Nazis den «March of the Cameron Men». Die silbernen Knöpfe seiner Uniform glänzen, sicher hat er sie davor noch poliert. Bewaffnet ist Jack mit Langbogen und einem Claymore, dem schottischen Breitschwert.

Er wirft eine Granate auf die Deutschen und stürzt sich mit erhobenem Schwert lauthals brüllend ins Gefecht, seine Männer stürmen ihrem wilden Führer hintendrein, der bald darauf verwundet wird. 

https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Jack_Churchill?uselang=de#/media/File:Jack_Churchill_leading_training_charge_with_sword.jpg

Jack Churchill (vorne rechts) führt eine Trainingstruppe mit seinem Schwert in der Hand von einem Boot ans Ufer in Inveraray, Schottland. bild: wikimedia

Es schien der Angriff eines Irren zu sein. Und vielleicht war Jack auch verrückt. Doch seinen Männern vermochte er das Gefühl der Unbesiegbarkeit geben.

«Jeder Offizier, der ohne sein Schwert in den Kampf zieht, ist unsachgemäss gekleidet.»

Jack Churchill

Bei seinem Einsatz auf der kroatischen Adriainsel Brač wird er abermals gefangen genommen. Nach nur 48 Stunden in den Händen der Wehrmacht schreibt er dem deutschen Befehlshaber: «Sie haben uns gut behandelt. Sollten Sie nach dem Krieg je in England oder Schottland sein, kommen Sie bei meiner Frau und mir zum Dinner vorbei.»

Darunter setzt Jack seine Telefonnummer.

Die Zeilen retteten dem Empfänger das Leben. Hans Thornerr blieb vom jugoslawischen Erschiessungskommando verschont. Ein Kriegsverbrecher bekommt keine solchen Briefe.

Auch aus diesem Lager kann sich Jack irgendwie befreien. Doch als er sich in Indien auf die Invasion Japans vorbereitet, endet der Krieg. Allzu früh für den dudelsackspielenden Oberstleutnant, der doch so gern in der Schlacht fallen wollte. Bedeckt mit dem Union Jack sollte man ihn zur letzten Ruhe betten. 

«Wären diese verdammten Amis nicht gewesen, hätten wir den Krieg noch zehn Jahre weiterführen können.»

Jack Churchill

Jack Churchill

Mit ganzem Namen hiess er John Malcolm Thorpe Fleming Churchill (1906–1996) und war ein britischer Offizier im Rang eines Lieutenant Colonels. bild: wikimedia

Mad Jack überlebt auch seinen Einsatz in Jerusalem 1948. Als ein Konvoi jüdischer Ärzte in einen Hinterhalt gerät, wartet er nicht auf Verstärkung. Er geht den arabischen Angreifern entgegen, lächelnd, mit seinem Gehstock in der Hand.

«Die Leute erschiessen dich weniger, wenn du sie anlächelst.»

Jack Churchill

Das Alter stimmt auch Mad Jack allmählich friedlich. Er findet eine Frau, die ihm zwei Söhne schenkt, und gemeinsam fahren sie mit seinen eigenhändig wieder aufgemotzten Dampfschiffen der Themse entlang. Er baut auch ferngesteuerte Modellboote, die er gewinnbringend verkauft.

Und ab und an, wenn der alte Jack mit dem Zug von London nach Hause fährt, schmeisst er unverhofft seinen Koffer aus dem Fenster. Wenn die Leute ihn dann ganz entsetzt anschauen, lächelt der alte Jack in sich hinein. Denn die Leute wissen nicht, dass der Koffer in seinem eigenen Garten gelandet ist.

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Bubble Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 48 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
14Alle Kommentare anzeigen
    Alle Leser-Kommentare
  • Mode!? 14.04.2018 12:20
    Highlight Highlight Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin
  • Sapere Aude 13.04.2018 18:14
    Highlight Highlight Krasser Krieger.

    (Wohl notwendiges Attribut für einen Commando.)
  • Snowy 13.04.2018 18:01
    Highlight Highlight Schlicht und einfach grossartig!

    Danke.
  • Wenn Åre = Are dann Zürich = Zorich 13.04.2018 17:13
    Highlight Highlight Danke für diese Anekdote 😊
    Ach Frau Rothenfluh, wie siehts mit ihrer RedBull und Zigarettensucht aus? 😕

    Ich bin seit 2 Wochen Rauchfrei, das Rauchteufelchen schreit noch immer 😕
  • lilie 13.04.2018 09:07
    Highlight Highlight Was für eine köstliche Geschichte! Sie beweist, dass es auf dieser Welt auch Platz für verrückte Hunde hat - und sie sogar, trotz allem, nach einer Weile recht harmlos werden können.

    Hoffen wir, dass dies auch den "verrückten Hunden" der Gegenwart gelingt!
  • Army Neilstrong 13.04.2018 08:43
    Highlight Highlight Tolle Geschichte! Erinnert mich etwas an die Indien-Feldzüge der Briten, in denen die "Highlander"-Regimente aus Schottland besonders gefürchtet waren.


    https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_von_Assaye
  • Nelson Muntz 13.04.2018 08:38
    Highlight Highlight Wieviele Feinde hat er mit dem Bogen getötet?
  • Ptbagm 13.04.2018 07:58
    Highlight Highlight Hoffe es gibt noch viele Anekdoteles Artikel! Immer wieder mega interessant und gut geschrieben!
    Merci.
  • pamayer 13.04.2018 06:48
    Highlight Highlight Köstlich. Sehr Erheiterung trotz Krieg.
    Danke.
  • G. 13.04.2018 02:27
    Highlight Highlight Möge Mad Jack an den Lagerfeuern auf ewig besungen weden.
  • Nate Summer-Cook 13.04.2018 00:06
    Highlight Highlight Jaja, der Jack...
    Die beste Episode aus Italien fehlt noch. Im Englischen Wikipedia-Artikel unter Italy: https://en.m.wikipedia.org/wiki/Jack_Churchill
    Wird Zeit, dass ihm ein Film gewidmet wird 😅
  • Gringoooo 12.04.2018 23:17
    Highlight Highlight Der hatte wohl Wikingerblut.
  • Shin Kami 12.04.2018 21:19
    Highlight Highlight Diese Anektdote kannte ich schon, trotzdem gut.
    • Mode!? 14.04.2018 12:21
      Highlight Highlight Ich kenn die Geschichte vom Reiskorn das gekocht wurde!

In Deutschland waren die Flüchtlinge nicht mal willkommen, als es Deutsche waren

Wer glaubt, für Fremdenfeindlichkeit brauche es Menschen aus fremden Ländern, irrt. Nach dem verlorenen Krieg drängten sich Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten in Rest-Deutschland. Heute gilt ihre Aufnahme als vorbildlich – doch in Wahrheit schlugen ihnen damals Hass und Verachtung entgegen und der offen ausgesprochene Gedanke, nicht nach Westdeutschland, sondern nach Auschwitz zu gehören.

Der Volkszorn kocht, und der Redner weiss genau, was die Leute hören wollen: «Die Flücht­lin­ge müs­sen hin­aus­ge­wor­fen wer­den, und die Bau­ern müs­sen da­bei tat­kräf­tig mit­hel­fen», ruft Josef Fischbacher. Der Kreisdirektor des bayerischen Bauernverbandes giesst kräftig Öl ins Feuer und nimmt sogar das Nazi-Wort «Blutschande» in den Mund.

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