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Anekdoteles

bild: watson

Wenn abgetrennte Froschschenkel und geköpfte Menschen plötzlich zucken



Was ist Anekdoteles?

Abgesehen davon, dass es sich hier um einen ungemein gelungenen Wortwitz handelt, ist Anekdoteles unser Kurzformat für schmissige historische Anekdoten. 

1780 stirbt Maria Theresia und übergibt das Habsburgerreich ihrem Sohn Joseph. Amerika kämpft noch immer für seine Unabhängigkeit, während in der Schweiz erstmals die «Neue Zürcher Zeitung» erscheint. Goethe kritzelt am 6. September mit Bleistift «Wandrers Nachtlied» an die Holzwand einer Jagdhütte irgendwo im Thüringer Wald. Exakt zwei Monate später bringt Luigi Galvani in Bologna einen abgetrennten Froschschenkel zum Zucken.

This image was created during the Vail Access Project.

Galvanis Froschschenkel-Experiment, wodurch er die Kontraktion von Muskeln entdeckte, wenn diese mit Kupfer und Eisen in Berührung kamen. Galvani stellte unwissentlich einen Stromkreis her. bild: wikimedia

Hat er gerade totes Gewebe wieder zum Leben erweckt?

Fortan wird wie wild an dieser ominösen Energie herumgeforscht, die man erst später als Elektrizität erkennt. 40 Jahre lang experimentieren unzählige mehr oder minder ernstzunehmende Forscher mit Strom und Leichen. 

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Zeitgenössische Karikatur einer galvanisierten Leiche. bild: wikimedia

1819 erscheint Mary Shelleys Roman «Frankenstein», in dessen Vorwort zu lesen ist:

«Einen Leichnam könnte man vielleicht wiederbeleben, dafür gäbe es Beispiele aus galvanischen Versuchen; vielleicht könnten auch die passenden Einzelteile eines Lebewesens zusammengesetzt und mit der Wärme des Lebens versehen werden.»

Vorwort zu «Frankenstein»

https://de.wikipedia.org/wiki/Mary_Shelley#/media/File:Frankenstein.1831.inside-cover.jpg

«Frankenstein»-Ausgabe von 1831. Mary Shelleys Gatte Percy Bysshe Shelley ist einst beim Schotten James Lind in die Lehre gegangen, auch einer dieser damaligen Hobby-Leichenwiederbeleber. bild: wikimedia

Die Guillotine, die während der Französischen Revolution so rege zum Einsatz kommt, verschafft den galvanischen Experimenten eine Hochkonjunktur. Manch ein Arzt führt nun öffentliche Versuche an den Köpfen der Guillotinierten durch, um herauszufinden, ob der abgetrennte Kopf noch zu Bewusstsein und Schmerzempfinden fähig sei. Denn einige zweifeln an Guillotins prahlerischer Aussage über seine Tötungsmaschine:

«Mit meiner Erfindung schlage ich Ihnen in einem Augenblick den Kopf ab, ohne dass sie dabei leiden.»

Joseph-Ignace Guillotin

Und so lassen die Ärzte Strom durch die abgetrennten Köpfe leiten und beobachteten die so ausgelösten Muskelkontraktionen im Gesicht.

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Der britische Mediziner Andrew Ure bringt seine tote Versuchsperson zum Zittern, 1867. bild: wikimedia

Galvanis Neffe Giovanni Aldini arbeitet direkt am Exekutionsplatz in Bologna. Auf diese Weise sind die abgetrennten Schädel noch warm und frisch, wenn er seine Elektroden anlegt. Einmal verdrahtet er zwei Köpfe so miteinander, dass sich die beiden ein Fratzenspiel liefern. Einige der Schaulustigen fallen daraufhin in Ohnmacht. Das Spektakel muss ihnen morbider erschienen sein als die eigentliche Hinrichtung der beiden Männer. 

Als Aldini den englischen Doppelmörder George Forster unter Strom setzt, passiert besonders viel – zu viel für Mr. Pass, einem einfachen Bediensteten der Chirurgie. Nachdem er mitangesehen hat, wie die Wangen Forsters zuckten, die benachbarten Muskeln sich grässlich verzerrten und sich dann auch noch ein Auge öffnete, bricht er tot zusammen. 

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Giovanni Aldini experimentiert 1804 an der Leiche des englischen Doppelmörders George Forster. Für die Stromanwendung benutzt er die Voltasche Säule, die Vorläuferin der heutigen Batterie. bild: wikimedia

Er muss geglaubt haben, Forster sei tatsächlich auferstanden.

Aldini aber erkennt, dass die durch Strom verursachten Zuckungen nichts mit Leben, sondern eher mit Reizleitung zu tun haben müssen. Und Joseph II., der seit Galvanis Froschschenkel-Experiment Kaiser des mächtigen Habsburgerreiches ist, schlägt ihn in Anerkennung seiner Verdienste zum Ritter der eisernen Krone.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Spooky 06.05.2018 22:57
    Highlight Highlight Null Respekt vor den Leichen, diese Mediziner von damals!
    🙈👻😱😂
    1 1 Melden
  • Citation Needed 05.05.2018 17:34
    Highlight Highlight Frankenstein!! Unbedingt lesen! MUSS MAN LESEN. Muss man. ;-)
    Meine Ausgabe enthält all diese Hinweise auf den Wissenschaftlichen Fortschritt schön säuberlich aufgelistet auf einer Zeittafel. So gesehen hat Mary Shelley eigentlich, vor genau 200 Jahren am Genfersee, einen Science Fiction-Roman verfasst.
    19 2 Melden
    • Joe Smith 05.05.2018 18:41
      Highlight Highlight Man muss dazu aber auch sagen: Die Story ist wirklich gut, aber sprachlich ist der Text recht arm und dramaturgisch verhaut sie einfach absolut jede Pointe. Es hatte schon seinen Grund, warum Mary Shelley keine erfolgreiche Schriftstellerin wurde. Trotzdem ist das Büchlein lesenswert, wenn man über diese ärgerlichen Mängel hinwegsehen kann.
      13 1 Melden
    • Citation Needed 06.05.2018 14:03
      Highlight Highlight Joe: finde ich nicht. Klar, der Text ist 200 Jahre alt. Aber wie verhaut sie dramaturgisch jede Pointe? Sie schreibt in der romantischen Tradition und ist wohl weniger auf Pointen aus statt auf die Reflektion der Beziehung Mensch-Gesellschaft-Wissenschaft-Schöpfer.
      Und erfolglos würde ich sie nicht nennen.
      „Büchlein“? Ziemlich grossspurig und herablassend im Ton. Warum? Hat man Dich zur Lektüre gezwungen? 😬
      2 2 Melden

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