Hochnebel
DE | FR
23
Wir verwenden Cookies und Analysetools, um die Nutzerfreundlichkeit der Internetseite zu verbessern und passende Werbung von watson und unseren Werbepartnern anzuzeigen. Weitere Infos findest Du in unserer Datenschutzerklärung.
Schweiz
Gesundheit

«Placebo-Effekt kann 40 % ausmachen»

In den USA müssen die Globuli mit einem Warnhinweis gekennzeichnet sein, in der Schweiz wird Homöopathie von der Grundversicherung übernommen. 
In den USA müssen die Globuli mit einem Warnhinweis gekennzeichnet sein, in der Schweiz wird Homöopathie von der Grundversicherung übernommen. bild: shutterstock

«Placebo-Effekt kann 40% ausmachen» – warum auch skeptische Ärzte Globuli verordnen  

Eine neue Studie zeigt: Viele Ärzte, die Globuli verschreiben, zweifeln an deren Wirksamkeit. Zwei Mediziner erklären, warum sie trotzdem Stift und Rezept zücken.
21.11.2017, 11:5421.11.2017, 12:11

Für die einen bewirken die Globuli wahre Wunder, für andere handelt es sich um puren Hokuspokus: Homöopathie ist umstritten. Eine neue Studie der Universität Zürich zeigt nun: Schweizer Ärzte verschreiben Globuli, glauben aber nicht an deren Wirkung. Vor allem Kinder-, Allgemein- und Frauenärzte setzen auf die alternative Behandlungsmethode. 

Stefan Markun ist Leiter der soeben erschienenen Studie. Er und seine Co-Autoren ziehen folgendes Fazit: «Die Ergebnisse spiegeln wahrscheinlich eine gewisse Offenheit der meisten Ärzte, Homöopathie als Placebo-Intervention zu akzeptieren.»

«Was heisst ‹nur› der Placebo-Effekt? Der kann je nach Krankheitsbild und Therapie bis zu 40 Prozent ausmachen.»
Philippe Luchsinger, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Präsident der Haus- und Kinderärzte Schweiz

Manche Ärzte geben ihren Patienten also homöopathische Kügelchen oder Tropfen mit nach Hause, ohne daran zu glauben, dass sie wirken. Sie setzen dabei scheinbar auf den Placebo-Effekt. Ist das nicht eine Täuschung des Patienten? «Nein», meint Philippe Luchsinger, Facharzt für Allgemeine Innere Medizin und Präsident der Haus- und Kinderärzte Schweiz. «Es ist keine Täuschung, wenn ich dem Patient erkläre, dass ich da eine Therapie habe, die nicht wissenschaftlich belegt ist, aber von der schon einige Patienten profitiert haben. Und was heisst ‹nur› den Placebo-Effekt? Der kann je nach Krankheitsbild und Therapie bis zu 40 Prozent ausmachen.» Dies hingegen sei wissenschaftlich belegt.

Tatsächlich: Ein Forscherteam der Universität Basel fand bei einem Schmerz-Versuch heraus, dass selbst Patienten, die wussten, dass sie ein Placebo einnahmen, von einer Schmerzlinderung berichteten.

Gisela Etter Kalberer, Präsidentin des Schweizer Vereins homöopathischer Ärztinnen und Ärzte, kann sich hingegen gar nicht vorstellen, dass Ärzte homöopathische Mittel verschreiben ohne an deren Wirkung zu glauben. Sie stellt die Fragestellung der Studie an den Pranger, die laut ihr die Ergebnisse verfälscht haben könnte: «Die Fragestellung war zum Teil verfänglich und nicht dem neusten Wissenstand angepasst.» Ausserdem wirke Homöopathie, das würden Studien belegen und Ärzte in der täglichen Praxis erleben. 

Die Resultate der neuen Studie der Uni Zürich sorgte in amerikanischen Wissenschaftspublikationen für Kritik. «What’s worse? Doctors who believe homeopathy or just use it for placebo effect?», fragte etwa eine Journalistin des Wissenschaftsportals Ars Technica in einem Kommentar. Doch in der Schweiz geniesst die Homöopathie regen Zuspruch. Im Gegensatz zu Ländern wie den Vereinigten Staaten schwören hierzulande viele auf die Kügelchen, die Teils abenteuerliche Inhaltsstoffe in sich haben.

Globuli für Tiere auf dem Vormarsch

Fast drei Viertel der Schweizerinnen und Schweizer haben schon homöopathische Medikamente benutzt, rund ein Drittel tut es regelmässig. Und auch Tierhomöopathie erlebt zurzeit einen regelrechten Boom, schrieb die «Schweiz am Wochenende» kürzlich. 

Die Patienten lassen sich von der harschen Kritik an der Homöopathie also nicht beeindrucken. Und Experten, die die Patienten in diesem Belangen beraten können, sind einfach zu finden: Laut der SDA gibt es hierzulande 20'000 Therapeuten und fast 3000 Ärzte, die alternative Methoden einsetzen.

Und jetzt: Medikamente neu interpretiert von Zukkihund

1 / 94
Und jetzt: Medikamente neu interpretiert von Zukkihund
Auf Facebook teilenAuf Twitter teilenWhatsapp sharer

Ganz anders in den USA. Das Land führte 2016 gar Warnhinweise für homöopathische Mittel ein. Die Globuli oder Tinkturen müssen nun mit dem Satz «Es gibt keine wissenschaftlichen Belege, dass dieses Produkt wirkt» gekennzeichnet werden, oder mit der Aussage: «Die Wirkungsbehauptungen des Produkts basieren einzig auf homöopathischen Theorien aus dem 18. Jahrhundert, die von den meisten modernen Medizinexperten nicht anerkannt werden.»

Jahrelanges Tauziehen

Um die Anerkennung der Komplementärmedizin (dazu gehört auch die Homöopathie) als kassenpflichtige Leistung, wurde in der Schweiz lange gerungen. Im Jahr 2005 hatte der damalige Gesundheitsminister Pascal Couchepin die Fachrichtungen aus dem Leistungskatalog der Grundversicherung gekippt.

Vier Jahre später hiess das Stimmvolk jedoch mit deutlichem Mehr einen Verfassungsartikel gut, der eine bessere Berücksichtigung der Komplementärmedizin verlangt.

Couchepins Nachfolger Didier Burkhalter führte daraufhin eine befristete Regelung bis Ende 2017 ein, nach der die obligatorische Krankenversicherung ärztliche Leistungen der Homöopathie, der anthroposophischen Medizin, der traditionellen chinesischen Medizin und der Pflanzenheilkunde bezahlt. 

Diese Behandlungsmethoden werden nun seit dem 1. August 2017 definitiv von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung übernommen. Voraussetzung ist, dass die Methoden von einem Schulmediziner praktiziert werden, der in einer der vier Methoden einen FMH-anerkannten Fähigkeitsausweis erworben hat. 

Fischhaut heilt Brandwunden

Video: watson/Nico franzoni

Gesundheit und Ernährung

Alle Storys anzeigen
DANKE FÜR DIE ♥
Würdest du gerne watson und unseren Journalismus unterstützen? Mehr erfahren
(Du wirst umgeleitet um die Zahlung abzuschliessen)
5 CHF
15 CHF
25 CHF
Anderer
twint icon
Oder unterstütze uns per Banküberweisung.

Das könnte dich auch noch interessieren:

23 Kommentare
Weil wir die Kommentar-Debatten weiterhin persönlich moderieren möchten, sehen wir uns gezwungen, die Kommentarfunktion 24 Stunden nach Publikation einer Story zu schliessen. Vielen Dank für dein Verständnis!
Die beliebtesten Kommentare
avatar
Karl Müller
21.11.2017 12:03registriert März 2015
Ich habe kein Problem mit Globuli. Solange ich sie mit Zuckerkügelchen bezahlen darf, die Geld im "Wassergedächtnis" gespeichert haben ...
11314
Melden
Zum Kommentar
avatar
Duscholux
21.11.2017 12:20registriert Oktober 2016
"Skeptische Ärzte"

Warum nennt man die skeptisch? Es sind eher Ärzte die WISSEN dass Globuli nur Placebo ist. Darum verwenden sie es auch so.
928
Melden
Zum Kommentar
avatar
Wilhelm Dingo
21.11.2017 13:27registriert Dezember 2014
Könnte man nicht billige Zuckerkügelchen produzieren mit den verschiedenen Aufschriften von Heilungsversprechen? Das würde meine Krankenkassenprämie entlasten.
253
Melden
Zum Kommentar
23
Skepsis gegenüber der EU auch 30 Jahre nach dem EWR-Nein

30 Jahre nach dem Nein der Schweizer Stimmbürger zum Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) sieht alt Bundesrat Christoph Blocher die Schweiz immer noch in einem Abwehrkampf gegen die EU. In einer aktuellen Umfrage befürworten 71 Prozent der Befragten inzwischen einen EWR-Beitritt.

Zur Story