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5 Schweizer Streaming-Dienste, die dir die Isolation erträglich machen

Wenn du bei Netflix langsam alles Gute gesehen hast oder lieber auch mal die lokale Film- und Kinokultur unterstützt, bieten sich diese 5 Plattformen an. – Wir hätten da auch gleich ein paar Filmtipps …

Nicolas von passavant



Die Corona-Krise trifft das Kino in besonderer Weise: Nicht nur brechen für die Betreiber von Kinosälen Einnahmen weg. Auch dem Verleih und den Produktionsfirmen fehlen Einnahmen, und an all dem hängen eine Menge Jobs – von der Filmvorführerin bis zum Ticketverkäufer im Kino bis zu den Angestellten im Verleih und letztlich den Filmschaffenden selbst. Von der Misere merkt man als Zuschauerin und Zuschauer wenig: Längst haben doch viele von uns ein Abo bei einem der grossen Streaming-Anbieter und damit scheint die Situation gelöst.

Das trügt aber, denn erstens haben die Kinos und Verleiher vor Ort wenig – die internationalen Multis schütten von ihren Gewinnen an sie ja nichts aus. Und zweitens: So toll die eine oder andere ihrer Produktionen ist, ihr Angebot ist im Grossen und Ganzen dann doch überschaubar.

Sucht man etwas anspruchsvollere internationale Produktionen, Filmklassiker oder auch mal einen Schweizer Film, wird man bei den Multis kaum oder gar nicht fündig. Umso interessanter, dass es dafür eine Reihe von Angeboten von Schweizer Anbietern gibt, bei denen man auch die lokale Film- und Kinokultur unterstützt.

Hier die 5 interessantesten Angebote inklusive Filmtipps:

myfilm.ch

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Szene aus «Om det oändliga». bild: myfilm

myfilm.ch ist bereits etwas ganz Besonderes: Diese Streaming-Plattform wird von einem Kino selbst angeboten, nämlich den Basler Kultkinos. Sie bieten eine Mischung aus recht Massentauglichem (wie den beliebten französischen Komödien der letzten Jahre) und einem weltweiten Autorenkino – und aus diesem Programm besteht auch ihr Online-Angebot.

Bisher konnte man dort die Filme sehen, wenn sie nicht mehr im Kino liefen – zu Preisen um die acht Franken pro Film. Aufgrund der Kino-Schliessungen finden bei «myfilm» aber jetzt auch die Premieren der Filme statt, die nicht wie geplant anlaufen können. Diese Filme kosten zwar so viel wie ein reguläres Kinoticket. Das lohnt sich aber trotzdem: Denn erstens sitzt man ja vielleicht dann doch nicht alleine vor dem Computer, sodass es doch wesentlich günstiger kommt als ein gemeinsamer Kinobesuch. Und zweitens unterstützt man damit vor allem auch den gebeutelten Kinobetreiber selbst.

Filmtipps

Seit seinem fabelhaften «Songs from the Second Floor» hat der schwedische Regisseur Roy Andersson einen ganz neuen Stil ausgeprägt: In höchst künstlichen Settings, die aussehen wie grosse Puppenhausräume, inszeniert er ebenso befremdliche wie lustige Szenen. «Om det oändliga» («About Endlessness») ist sein neuer Film, der genau so grandios bizarr ist wie seine vorherigen Werke.

Trailer zu «Om det oändliga»

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Video: YouTube/MovieZine

Ebenfalls brandneu ist der französische Film «Les Misérables», der von einem Polizisten im Pariser Problem-Aussenquartier Montfermeil erzählt. – Ein ebenso harter wie starker Film, der letztes Jahr in Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde.

Trailer zu «Les Misérables»

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Video: YouTube/Amazon Studios

«Dene wos guet geit» ist ein ganz und gar ungewöhnliches Stück Schweizer Kino: Der Regisseur Cyril Schäublin zeigt in seinem ungeahnt kunstvollen Film eine absolut reibungslose wie brachial langweilige Schweiz, in der das schlimmste Drama der Enkelbetrug und die grösste Herausforderung das Vergleichen von Handyabos ist. Ein mit 77 Minuten kurzer Film, der aber so treffend beobachtet ist, dass er einem lange in Erinnerung bleibt.

Trailer zu «Dene wos guet geit»

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Video: YouTube/kinofilme

filmingo.ch

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Szene aus «Schatten im Paradies». bild: filmingo.ch

Ein anderes Profil hat die Plattform filmingo.ch: Sie wird von dem Schweizer Verleih «Trigon» betrieben, der sich einerseits mit dem Vertrieb von anspruchsvollen internationalen Filmen einen Namen gemacht hat, andererseits einige der ganz grossen Meisterwerke der Filmgeschichte in neuen restaurierten Fassungen auf den Markt bringt.

Damit man sich in den 500 Filmen aus dem Trigon-Programm auf «filmingo» zurecht findet, gibt es neben der normalen Suchfunktion auch sorgfältig kuratierte Listen, in denen man nach Thema und Genre suchen, sich aber auch Empfehlungen von namhaften Regisseurinnen und Regisseuren anschauen kann.

Die Filme kann man einzeln buchen, es lohnt sich aber auch ein Kurz-Abo für 15 Franken, bei dem man während eines Monats fünf Filme schauen kann. Wer komplett überzeugt ist, erhält für 240 Franken pro Jahr unlimitierten Zugriff auf die Filme.

Filmtipps

Der russische Film «Wenn die Kraniche ziehen» von 1957 ist einer der allerbesten Filme, die je gemacht wurden: Nachdem man in der Sowjetunion zuvor über viele Jahre nur stalinistisches Propagandakino sehen konnte, wagte sich hier ein Regisseur mit ungeheurem Gespür an eine absolut herzzerreissende und sehr persönliche Liebesgeschichte, die überdies wahnsinnig gut inszeniert ist. Diesen Film sollte man irgendwann im Leben gesehen haben. Warum nicht jetzt?

Trailer zu «Wenn die Kraniche ziehen»

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Video: YouTube/Kino Konformist

Aki Kaurismäki hat sich mit seinen oft etwas düsteren und bärbeissigen, im Endeffekt aber nicht nur warmherzigen, sondern auch sehr witzigen Filmen einen Namen gemacht. Von ihm findet man hier viele Filme. Mein absoluter Liebling ist der lustige «Schatten im Paradies», der von der Liebe zwischen einem etwas hilflosen Müllautofahrer und einer wunderbar schnoddrigen Supermarktkassiererin erzählt. Auch diesen Film vergisst man nie wieder.

Szene aus «Schatten im Paradies»

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Video: YouTube/YouTube Movies

Neuer ist «Capharnaüm – Stadt der Hoffnung», ein Film von der liberanesischen Regisseurin Nadine Labaki. Er erzählt von einem Jungen, der von zuhause abhaut und auf seiner Reise durch trostlose Orte ein noch kleineres Kind aufliest, um das er sich rührend kümmert. Es gibt das Kino seit weit über 100 Jahren, aber so etwas wie die Darstellung dieser beiden Kinder hat man in einem Film noch nie gesehen! Übrigens ist der Film als ganzer weniger trist als es klingt.

Trailer zu «Capharnaüm – Stadt der Hoffnung»

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Video: YouTube/Madman Films

artfilm.ch

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Szene aus «Home». bild: artfilm

Ein nochmals anderes Konzept hat artfilm.ch: Hier findet man ausschliesslich Schweizer Produktionen, die aber mit Heimatfilm und Swissness-Kitsch wenig zu tun haben. Vielmehr hat man hier Gelegenheit, Facetten des Schweizer Kinos kennenzulernen, die auch in der Schweiz selber viel zu wenig bekannt sind.

Grossartig ist das Angebot von «artfilm» finanziell: Ein Tagespass, mit dem man beliebig viel streamen kann, kostet fünf Franken, das Jahresabo nur 80 Franken. Jetzt gerade kommt es aber noch besser: Solange die Schweizer Kinos geschlossen sind, ist das Streaming gratis! – Eine perfekte Gelegenheit, sich unter anderem die folgenden drei Filme zu geben:

Filmtipps

Seit vielen Jahren trieb der Ostschweizer Roman Signer seine grossartigen Kunst-Performances, bei denen allerhand durch und in die Luft flog. Diese blieben lange fast unbemerkt. In der Zeit, als ihm in den 90ern der Doku-Filmer Peter Liechti mit seinem fabelhaften «Signers Koffer» ein Portrait widmete, avancierte er aber zu einem der bekanntesten Künstler Europas. Wer dieses Meisterwerk nicht kennt, den erwarten 80 Minuten pure Überraschung und Freude.

Trailer zu «Signers Koffer»

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Video: YouTube/filmo

Mit «Chrieg» hat der junge Regisseur Simon Jaquemet für ein Erdbeben in der Schweizer Kinolandschaft gesorgt: Der junge Matteo, der gegen alles und alle rebelliert, soll in einem Erziehungslager in den Bergen resozialisiert werden. Nur tobt dort leider der komplette Wahnsinn. Extrem heftig und energetisch ist das ein Film, den man dem Schweizer Kino nicht zugetraut hätte.

Trailer zu «Chrieg»

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Video: YouTube/kinofilme

Und seit Jahren will ich mir schon «Home» von Ursula Meier anschauen: Die fabelhafte Isabelle Huppert spielt die Hauptrolle und der zuverlässige SRF-Radiojournalist Michael Sennhauser überschlug sich beim Erscheinen mit Lobeshymnen. Offenbar geht es im Film um eine verlassene Autobahn. Was daran besonders ist? Fragt mich morgen. Oder schaut selbst.

Trailer zu «Home»

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Video: YouTube/TrailerTrackerTrash

cinefile.ch

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Szene aus «Portrait de la jeune fille en feu». bild: cinefile.ch

Angefangen hat cinefile.ch als Info-Seite mit dem Schweizerischen Filmprogramm. Weil die Macher aber einen so guten Geschmack haben, beschlossen sie, von ihren Lieblingsfilmen auch ein Streaming-Programm anzubieten. Ihr Angebot geht quer durch alle Grenzen: Mainstream- und Autorenfilm, amerikanisches und internationales Kino, Festivalgewinner und Schweizer Klassiker. Gemeinsam ist ihnen nur, dass sie bei den «Cinefile»-Redakteuren Fans haben, und dies jeweils zurecht.

Bezahlt wird pro Film (nicht ganz aktuelle Filme sind günstig, ganz neue kosten gleich viel wie bei «myfilm»). Sehr originell ist ein besonderes Angebot dieser Seite: Für neun Franken pro Monat kann man das Abo «Stream99» lösen, bei dem man pro Woche zwei vom Redaktionsteam empfohlene Filme streamen kann.

Filmtipps

Der Film «Portrait de la jeune fille en feu» erzählt von den Spannungen und Anziehungen zwischen einer Malerin (Noémie Merlant) und ihrem Modell (Adèle Haenel) im Frankreich des 18. Jahrhunderts. So intensiv und intim wie ihre Beziehung ist der Film gemacht – feministisches Kino höchster Güte.

Trailer zu «Portrait de la jeune fille en feu»

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Video: YouTube/cineworxfilmverleih

Mein Lieblingsfilm der letzten Jahren ist der japanische Film «Shoplifters» über eine Familie von Dieben. Man sollte darüber vorher gar nicht zu viel lesen, sonst weiss man die Pointen schon: einfach anschauen – ich wette eine Tafel Schokolade, dass dieser Film absolut jeder und jedem gefällt. Wenn nicht, hast du einen schlechten Filmgeschmack – und eine Tafel Schokolade zugute.

Trailer zu «Shoplifters»

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Video: YouTube/Magnolia Pictures & Magnet Releasing

Der heftigste Schweizer Dokumentarfilm der letzten Jahre war unzweifelhaft «Electroboy». Er erzählt das Leben des Models, Internetunternehmers und legendären Zürcher Partyveranstalters Florian Burkhardt und seiner Familie, in der er überraschenderweise die vernünftigste Person ist. Kompletter Irrsinn! Unbedingt schauen!

Trailer zu «Electroboy»

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Video: YouTube/YouTube Movies

spectyou.com

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Szene aus «Dschingis Khan». bild: Ramona Zühlke via facebook/monstertrucks

Nicht Kino im engeren Sinn, aber ebenfalls einen Besuch wert, ist die ganz neue Plattform spectyou.com. Dort findet man Theater- und Tanzinszenierungen gespeichert: Damit sie nach ihren Aufführungen nicht einfach verpuffen und damit man avantgardistische Performances auch abseits der Kulturzentren sehen kann.

Eigentlich befindet sich «spectyou» noch in der Konstruktionsphase. Aufgrund der Corona-Situation haben sich die Macherinnen und Macher aber zu einer öffentlichen und kostenlosen (!) Beta-Phase entschieden. Man hat also nichts zu verlieren, sich auch hier mal umzuschauen.

Tipps?

Tipps gibt es hier keine, weil ich von zeitgenössischem Theater keine Ahnung habe. Beim Durchklicken bin ich aber schon mal auf das Stück «Dschingis Khan» von der Performance-Gruppe «Monster Truck» gestossen. Darin liefern drei Leute mit Down-Syndrom in grotesken Fell-Kostümen eine extrem bizarre Satire auf die Stereotypen von Behinderung und kultureller Andersheit ab. Diese Performance kann man sich ganz sicher reinziehen – alleine sie überzeugt mich schon, dass «spectyou» eine fabelhafte Idee ist.

Die meistgezeigten Schweizer Filme (1995-2019)

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