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Emma Amour: «Muss man sich als Single darauf einstellen, weggeworfen zu werden?»

Jon Tyson/Unsplash
Emma Amour

«Muss man sich als Single darauf einstellen, weggeworfen zu werden?»

05.04.2018, 13:2806.04.2018, 06:22
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Liebe Emma, 

Zugegeben, ich bin mit meinen 32 Jahren nicht wirklich erfahren im Alleinsein. Als ich das letzte Mal Single war, hat man noch miteinander Versteckis gespielt.

Ein Beispiel: Match auf Tinder (Superlike!), 1,5 Wochen auf Instagram Romane geschrieben («Du bist ein supercooler Typ, ich will was mit dir trinken gehen.»), dann ohne erkennbaren Grund blockiert.

Auch wenn diese Geschichte mein Leben nicht aus den Fugen bringt, frage ich mich: Gibt es so etwas wie Fairplay unter Singles? Sie hätte mir einfach sagen können, dass sie nicht mehr interessiert ist – fair enough.

Oder muss man sich als Single darauf einstellen, weggeworfen zu werden, passend zur Konsumgesellschaft? Ich weiss, ein Tindermatch ist keine Hochzeit, aber ein bisschen Respekt wäre doch nirgends fehl am Platz.

Liebe Grüsse,
Simon

Hoi Simon,

Du beschreibst eine Situation, die wohl jeder kennt, der im Tinder-Garten unterwegs ist. Wie oft ist mir selber genau dasselbe passiert. Auch gebe ich zu, dass ich auch schon so feige war, einen gut gestarteten Tinder-Match ohne Erklärung oder Vorwarnung abzubrechen. Der eine wurde etwas gar aufdringlich, ein anderer war Hündeler, der dritte arbeits- und antriebslos, was ich erst recht spät feststellte.

Unbestritten: Dieses Verhalten ist nicht okay.

Gerade letztens matchte ich mit jemandem, den ich super fand. Ich war es auch, die sich als Erste meldete. Er antwortete sofort. Es entstand ein sehr kurzweiliger Chat. Wir schrieben uns bis tief in die Nacht. Virtuell waren wir ein tolles Team.

Als ich unsere Konversation am nächsten Tag noch einmal lesen wollte, war sie weg. Tschüss und Adieu. Ohne «Tschüss», ohne «Adieu». Natürlich fragte ich mich, woran es wohl lag, dass mich der Gute ins 2.0-Nirwana katapultierte. Dann fiel mir ein, dass wir auf Tinder sind, wo man sich alles ausser irgendeiner Rechenschaft schuldig ist.

Natürlich können wir uns fragen, wo hier der Respekt bleibt. Vielleicht spielt die von dir erwähnte Wegwerfgesellschaft in der Tat eine Rolle.

Ich habe das Glück, eine Sexologin/Paartherapeutin in meinem Umfeld zu haben. Ich erinnere mich an ein Gespräch, in dem sie betonte, dass auf Tinder Anarchie herrsche. Ihr Tipp: Auf keinen Fall zu lange chatten. Einerseits schürt das Geschreibsel falsche Hoffnungen und schafft eine Illusion, die im wahren Leben fast nie erfüllt wird, anderseits verschwendet man keine Zeit damit, eine Beziehung mit jemandem aufzubauen, der dann face to face doch nicht passt.

Seit ich mich an den Input der Sexologin halte, hassliebe ich Tinder etwas weniger. Bin aber, und werde wohl nie, ein grosser Fan des virtuellen Menschen-Dschungels sein.

Um auf deine Ursprungsfrage zurück zu kommen: Fairplay unter Singles gibt es mit Sicherheit. Einfach mehrheitlich ausserhalb von Tinder.

Vielleicht sollten wir uns dennoch alle ein bisschen an der eigenen Nase nehmen und uns Nächstenliebe auf die Fahne schreiben. In Caps-Lock.

Sei lieb gegrüsst,

deine Emma

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