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ARCHIV - ZUR EINSTELLUNG DES FINMA-VERFAHRENS GEGEN PIERIN VINCENZ, AM DONNERSTAG, 21. DEZEMBER 2017, ERHALTEN SIE FOLGENDE ARCHIVBILDER ----  Pierin Vincenz, Vorsitzender der Geschaeftsleitung, aufgenommen an der Bilanzmedienkonferenz der Raiffeisen Gruppe, am Freitag, 27. Februar 2015, am Hauptsitz in St. Gallen. (KEYSTONE/Gian Ehrenzeller)

Pierin Vincenz galt als Vorzeige-Banker. Nun ist er tief gefallen. Bild: KEYSTONE

Der Fall Raiffeisen und die Parallelen zum Niedergang der Swissair

So tief ist noch kaum ein Wirtschaftsboss in der Schweiz gefallen: Der frühere Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz sitzt in Untersuchungshaft. Einiges an seinem Absturz erinnert an die Swissair.



Auf der einen Seite ein charismatischer, machtbewusster Konzernchef. Auf der anderen ein schwacher Kopfnicker-Verwaltungsrat, der ihm freie Hand lässt und beide Augen zudrückt. Bis es irgendwann zum grossen Knall kommt. So geschehen beim Absturz der National-Airline Swissair vor bald 20 Jahren. Und nun bei Raiffeisen, der drittgrössten Schweizer Bankengruppe.

Im Fall der Swissair hiess der CEO Philippe Bruggisser. Er konnte seine verheerende Hunter-Strategie mit Rückendeckung eines Verwaltungsrates durchziehen, der alle Warnsignale ignorierte. Bei der Raiffeisen ist es Ex-Chef Pierin Vincenz. Er sitzt seit einer Woche in Untersuchungshaft. Vincenz wird verdächtigt, bei Firmenübernahmen in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben.

Bilder der Wehmut: Die Swissair ist Geschichte

Vom Starbanker zum U-Häftling: So tief wie der Bündner ist kaum ein Wirtschaftsführer in der Schweiz gefallen. Für Pierin Vincenz gilt die Unschuldsvermutung, doch auch in seinem Fall besteht der Verdacht, dass der Verwaltungsrat seine Kontrollfunktion nicht wahrgenommen hat. «Die gutbezahlten Mitglieder profitierten lieber vom Glanz des Konzernchefs, der zeitweise wie ein kleiner Sonnenkönig auftrat», schrieb die «NZZ am Sonntag» in einem bissigen Kommentar.

Mehr als nur Kratzer am Image

Natürlich gibt es grosse Unterschiede zwischen den beiden Fällen. Als sich der Swissair-VR endlich dazu aufraffen konnte, Bruggisser vor die Tür zu stellen, war die einstige «fliegende Bank» ausgezehrt. Die Raiffeisen-Gruppe hingegen ist kerngesund. Der neue CEO Patrick Gisel konnte letzte Woche einen Rekordgewinn von 917 Millionen Franken verkünden.

Der Absturz des 2015 abgetretenen «Sonnenkönigs» Vincenz aber verpasst dem bislang fast makellosen Image der «Volksbank» Raiffeisen mehr als nur ein paar Kratzer. Nach der Finanzkrise erlebte sie ein starkes Wachstum. Viele Kundinnen und Kunden, die über die skrupellose Geschäftemacherei der Grossbanken empört waren, wechselten zur «bodenständigen» Raiffeisen.

Ich selber bin seit vielen Jahren Kunde und Genossenschafter. Bei Raiffeisen fühlte ich mich als «Normalverdiener» ernst genommen, anders als bei den «Grossen» CS und UBS. Das Gebahren von Pierin Vincenz aber verfolgte ich stets mit einiger Skepsis, auch als er nach der Finanzkrise als eine Art Lichtgestalt der diskreditierten Bankerkaste gefeiert wurde.

Die Raiffeisen-Welt war nicht genug

Der charismatische Bündner beherrschte den öffentlichen Auftritt. Gleichzeitig gab er sich jovial und volksnah. Journalisten bot er schnell einmal das Du an (ich hatte nie direkt mit ihm zu tun). In einem grossen Porträt, welches «Das Magazin» vor fünf Jahren veröffentlichte, sagte er, man solle von ihm in Erinnerung behalten, «dass man auch mal ein Bier mit dem Vincenz trinken konnte».

Passers-by in front of the Raiffeisen bank at the Limmatquai in Zurich, Switzerland, pictured on January 23, 2013. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Passanten vor der Bank Raiffeisen am Limmatquai in Zuerich, aufgenommen am 23. Januar 2013. (KEYSTONE/Gaetan Bally)

Die Raiffeisen-Filiale am Limmatquai. Bild: KEYSTONE

Gleichzeitig hatte man den Eindruck, dass die Welt der Kleinsparer und Hüslibauer, aus denen die Raiffeisen-Gemeinde besteht, für ihn nie genug war. Nach der Finanzkrise expandierte Vincenz mit der im ländlichen Raum verwurzelten Bank in die Städte und Agglomerationen. Heute gibt es eine Raiffeisen-Filiale in Zürich, nicht am Paradeplatz, aber am Limmatquai.

Gründerfiliale geschlossen

Im Gegenzug wurden Filialen auf dem Land geschlossen oder fusioniert, was da und dort für böses Blut sorgte. Das galt besonders für die Zweigestelle in Bichelsee im Hinterthurgau, wo der Dorfpfarrer 1899 die erste Bank in der Schweiz nach dem Vorbild der deutschen Raiffeisen-Bewegung gegründet hatte. Pierin Vincenz liess der Protest kalt.

Dafür übernahm er Firmen wie die Kreditkartengesellschaft Aduno und das Beratungsunternehmen Investnet, die ihn nun ins Visier der Justiz brachten. Höhepunkt war der Kauf des «gesunden» Teils der Privatbank Wegelin, nachdem diese von der US-Justiz in die Knie gezwungen worden war, und die Umbenennung in Notenstein La Roche. Das noble Private Banking und Raiffeisen – irgendwie passte das nicht zusammen. Tatsächlich läuft es Notenstein heute alles andere als rund.

«Unglückliche Konstellation»

Ein heikler Fall war die Ernennung von Vincenz' Ehefrau zur Chefin der Rechtsabteilung von Raiffeisen. Das entspricht kaum den Kriterien einer guten Unternehmensführung (Corporate Governance). Der Verwaltungsrat um Präsident Johannes Rüegg-Stürm schritt trotz deutlicher Kritik nicht ein. Erst jetzt räumte er im Interview mit der «NZZ am Sonntag» ein, dies sei «eine unglückliche Konstellation» gewesen.

Patrik Gisel, CEO Raiffeisen Gruppe an der Bilanzmedienkonferenz in Zuerich am Freitag, 2. Maerz 2018. (KEYSTONE/Walter Bieri)

Der neue Chef Patrick Gisel ist unter Druck. Bild: KEYSTONE

Problematisch an Vincenz war auch sein Lebensstil mit Helikopterflügen und Luxusvilla in Teufen (AR), dem Freienbach von St. Gallen. Er kontrastierte mit dem Image des «Volksbankers». Dies zeigt auch eine Episode im «Magazin»-Porträt, die sich auf den Ex-Wegelin-Chef Konrad Hummler bezieht: Man sehe nicht etwa den Raiffeiseler Vincenz «mit Veloklammern an den Hosenbeinen in die Migros in Teufen radeln, sondern den Private Banker Hummler».

Personelle Konsequenzen

Zeitweise soll Pierin Vincenz drei bis vier Millionen Franken pro Jahr verdient haben. Genaue Zahlen gab die genossenschaftlich organisierte Raiffeisen nicht bekannt. Nun muss die Bank die beschädigte Glaubwürdigkeit reparieren. Das sollte auch personelle Konsequenzen zur Folge haben, besonders im Verwaltungsrat. Auch Konzernchef Patrick Gisel, der langjährige Weggefährte von Pierin Vincenz, muss sich unangenehme Fragen gefallen lassen.

Vincenz wiederum muss wohl vor Gericht. Auf beiden Seiten haben sich hochkarätige Juristen in Stellung gebracht. Der Prozess würde «vermutlich als grösster Wirtschaftsfall seit dem Swissair-Prozess in die Zürcher Justizgeschichte eingehen», schreibt die «Aargauer Zeitung». Philippe Bruggisser wurde damals übrigens freigesprochen. In Untersuchungshaft musste er nie.

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    Alle Leser-Kommentare
  • Jörg K. 07.03.2018 22:20
    Highlight Highlight Sie schreiben hier durchaus glaubhaft über die schräge Bankenbranche. Aber es sind die Medien, die Über Jahrzente gewisse Branchen und deren Exponenten hochgeschrieben haben. Eigentlich haben wir schon lange eine Medienkrise. Auf jeden Fall kann von einer vierten Kraft keine Rede sein.
  • Raphael Stein 07.03.2018 15:34
    Highlight Highlight ...«dass man auch mal ein Bier mit dem Vincenz trinken konnte».

    Herablassend eigentlich.
  • Spooky 07.03.2018 01:15
    Highlight Highlight Also, ich muss euch sagen:
    In unserer Schweiz ist U-Haft nicht das Allerschlimmste, was einem Menschen passieren kann.

    Falls Herr Vincenz diese Prüfung (die ist es, das schon) nicht übersteht, dann wäre er als CEO bei der Raiffeisen sowieso am falschen Platz gewesen.
    • nödganz.klar #161 07.03.2018 07:37
      Highlight Highlight @Spooky

      Warst du schon mal längere Zeit in U-Haft?
    • Spooky 08.03.2018 10:47
      Highlight Highlight Lange genug.
  • Alnothur 07.03.2018 01:13
    Highlight Highlight Ich habe mich auch gewundert. In Biel wurde am Bahnhofplatz eine Filiale aufgemacht, in Leubringen am Dorfplatz. Beide recht grosszügig ausgelegt. Das Einzige, was bei beiden Filialen regelmässig offen hat, ist der Bankomat, ansonsten scheint man einfach mit viel Geld eine Designerfiliale hingestellt zu haben, die quasi nicht genutzt wird. Es hat nicht mal Bankschalter o.ä.
  • Asparaguss 06.03.2018 22:25
    Highlight Highlight Toller Bericht. Ich hinterfrage einfach die Qualität des Revisionsunternehmen, welches nichts festgestellt hat. Sei es aus Abhängigkeit oder aus dem eventuellen Grund, dass diese grossen Big4 vielleicht hauptsaechlich junge guenstige Wirtschaftsprüfer im Einsatz haben ohne die nötige Erfahrung?
  • Ouzo 06.03.2018 21:31
    Highlight Highlight Und Herr Blunschi
    Ihm so pahtetisch vorzuwerfen die unrentable gründerbank zu schliessen, ist nicht seriös.
    Die erste postfiliale der eidgenossenschaft wurde auch schon geschlossen, aber das ist eine andere geschichte......
  • Ouzo 06.03.2018 21:26
    Highlight Highlight Hat er irgend jemanden wehgetan. Hat er irgendjemand geschlagen, verletzt oder jemandem das Leben genommen. Hat er ein kind misshandelt. NEIN. Die wunderbare staatsanwaltschaften in Zürich, in der Schweiz sollten endlich in diesen Fällen ihren Job machen. Dafür bezahlen wir sie auch. Mir ist hier zu viel heuchlerei.
    • Faenker 06.03.2018 23:08
      Highlight Highlight Die von ihnen genannten Delikte sind wohl schwerwiegend und gehören untersucht. Ich verstehe ihre Worte aber so, als ob Finanzvergehen Kavaliersdelikte sind. Das sollten sie aber nicht sein, denn auch da geht es um Eigentum anderer Leute/der Allgemeinheit
    • SilWayne 06.03.2018 23:35
      Highlight Highlight Gut, dass du sowas nicht zu entscheiden hat. Wirtschaftskriminalität verursacht v.a indirekt immense Schäden.
    • Juliet Bravo 07.03.2018 00:35
      Highlight Highlight Kriminalität ist nicht nur dort, wo es dich die Boulevardmedien glauben machen.
    Weitere Antworten anzeigen
  • Jein 06.03.2018 20:48
    Highlight Highlight Der Fisch stank zwar vom Kopf her, aber seit dem Abgang von Vincenz hat sich bei der Raiffeisen noch nicht viel verbessert.

    Dass zeigt sich schon nur daran dass Gisel als CEO nachfolgte, obwohl er jahrelang als Vincenz' Consigliere agierte und wohl ebenso Dreck am Stecken hat (auch wenn er dass natürlich bestreitet und seinem langjährigen Vertrauten nun in den Rücken sticht).
  • redeye70 06.03.2018 19:35
    Highlight Highlight Ich kam damals von der UBS zur Raiffeisen weil mir dieses arrogante Superbanker-Gehabe so auf den Sack ging. Als der Vincenz kam musste ich eine negative Veränderung leider auch bei der Raiffeisen feststellen. Ich hätte ihm ein solch kriminelles Handeln nicht unbedingt zugetraut aber warm wurde ich nie mit ihm. Ich denke es ist wieder an der Zeit sich für eine neue Bank umzuschauen.
    • Posersalami 07.03.2018 01:46
      Highlight Highlight Geh zur ABS, mMn die einzige zumutbare Bank in der Schweiz.
    • redeye70 07.03.2018 06:49
      Highlight Highlight Danke. Den Vorschlag habe ich schon von einer Leserin erhalten. Werde schon bald ein Konto eröffnen.
  • N. Y. P. D. 06.03.2018 19:30
    Highlight Highlight Ein hervorragender Bericht. Danke.

    Es ist immer wieder dasselbe. Wenn man einem Menschen die Attribute jovial, volksnah und eloquent attestieren kann, haben sie meistens Dreck am Stecken.

    👉Blatter, Infantino, Vincenz ? ..

    Alle mögen sie das Mondäne, wenn sich alles um sie dreht, Luxus etc.


    Sobald in einer Firma oder in der Politik Personenkult herrscht, kommt es schief heraus für die ANDEREN.

    👉Trump, Putin, Erdogan, ALLE afrikanischen und südamerikanischen Staatschefs, Blatter, etc.
    Alle korrupt.
    • dä dingsbums 09.03.2018 16:41
      Highlight Highlight Dein Kommentar über "ALLE Staatschefs" von Südamerika und Afrika ist herablassend und schlicht und einfach falsch.

      José Mujica, Beji Caid Essebsi, Michelle Bachelet, Luis Guillermo Solís und viele mehr sind nicht korrupt und verdienen es nicht von Dir pauschal in den gleichen Topf geworfen zu werden, weil sie nicht aus dem ach so perfekten Westen kommen.

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